Oh ja, Autofahren. Eine tolle Sache in Venezuela, die nicht viel gemeinsam hat mit dem Autofahren in Deutschland. Der Verkehr fließt hier ganz natürlich und lässt sich kaum durch Verkehrschilder, rote Ampeln oder Fußgänger beeindrucken. Schilder, Ampeln und Fahrbahnmarkierungen haben hier nur Richtliniencharakter. Eine rote Ampel ist in Deutschland Gesetz, auch auf einer einsamen Landstraße um 2 Uhr morgens. Nicht so in Venezuela. Sie wird zwar wahrgenommen, aber nur beachtet, wenn auch wirklich Gegenverkehr kommt. Es ist schon öfter vorgekommen, dass ich an einer roten Ampel stehe und ein Linienbus direkt hinter mir hält. Busfahrer gehören zu der Spezies, die am wenigsten Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer nimmt. Der Busfahrer wartet nicht ab, bis die Ampel auf grün schaltet, sondern hupt, um mir zu klar zu machen, dass ich doch bitte losfahren soll. Schließlich hat er ja einen Zeitplan einzuhalten. Rote Ampeln scheinen da nicht eingeplant zu sein.
Staus gehören zum Alltag. Die Autoschlangen sind länger, häufiger und hartnäckiger als in Deutschland. Der extreme Autoverkehr hat vor allem zwei Gründe. Erstens gibt es kaum einen öffentlichen Nahverkehr. Valencia baut gerade ein U-Bahnnetz, um die Lage zu verbessern. Aber gerade die Baustellen führen zurzeit zu weiteren Staus. Zweitens ist Benzin nicht nur billiger als in Deutschland, der Preis ist, glaube ich, Weltrekord. Ein Liter Benzin kostet umgerechnet ca. 4 Euro cent. Das sind ca. 50 cent für eine Tankfüllung. Damit ist natürlich kein finanzieller Anreiz gegeben, das Auto mal stehen zu lassen.
Das eigentlich teure am Autofahren ist die Anschaffung eines Autos. Der Mittelklassewagen Chevrolet Optra kostet umgerechnet EUR 40.000. Da verwundert es nicht, dass die Autos gefahren werden, bis sie auseinanderfallen oder nur noch durch Seile notdürftig zusammen gehalten werden. Etwas Vergleichbares zum TÜV gibt es nicht.
Schnelles Fahren empfiehlt sich nicht. Die Geschwindigkeitsbeschränkung findet zwar ebenso wenig Beachtung, wie alle anderen Verkehrsregeln, dem schnellen Fahren wird aber eine andere natürlich Grenze gesetzt: Der Zustand der Strassen. Schlaglöcher finden sich überall und in jeder Größe, selbst auf der Autopista (Autobahn). Ich habe schon Schlaglöcher gesehen in denen sich der Müll zusammen rottete oder aus denen Bäume wuchsen. Da schwindet alle Hoffnung, dass jemand das Loch mal zumachen könnte. Die Schlaglöcher auf unserer täglichen Strecke zur Arbeit kenne ich bereits alle mit Vornamen. Eines fällt mir immer besonders auf. Es ist groß wie ein Autoreifen, befindet sich auf einer Dorfstrasse und lässt sich nur im Schritttempo umfahren. Alle 14 Tage ist dieses Loch mit grobem Sand zugeschüttet. Die Erleichterung hält nicht lange an. Nach zwei Tagen ist das Loch wieder bis zu seiner natürlichen Größe und Tiefe ausgefahren.
In Wohngebieten wird das langsame Fahren durch diese Art von künstlichen Bodenwellen erzwungen, die bei zu schnellem Überfahren die Karrosserie zerlegen. Damit meinen sie es wirklich ernst. Erschwert wird es noch dadurch, dass weder Signalfarbe noch Hinweisschilder eine Vorbereitung auf das Hindernis erlauben.
Der schlechte Zustand der Strassen hindert die Verantwortlichen nicht daran, für das Befahren auch noch Geld zu nehmen. Zahlstellen für die Autopistas, die sog. „Peajes“, sind im ganzen Land verstreut. Die Bezahlung ist immer Anlass für einen weiteren Stau. Wer stets Kleingeld dabei hat, ist gut beraten. Mit umgerechnet 50 cent hat man eine Durchfahrt geschafft. An Sonn- und Feiertagen ist die Durchfahrt sogar frei.
Wenn Verkehrsregeln auch kein Anlass zum langsamer Fahren sind, die ständigen Kontrollen durch die Guardia National sind es. Auf Autopistas und auf Landstrassen stehen unvermittelt links und rechts diese roten Verkehrshütchen. Ein unverwechselbares Anzeichen für die nächste Kontrolle durch die Nationalgarde, meist bestehend aus zwei oder mehr jungen Männern mit vorgehaltener Maschinenpistole. Man wird allerdings nur in sehr seltenen Fällen angehalten. Meist haben sie es auf Lkw abgesehen. Damit wir nicht Opfer einer sinnlosen Befragung werden, unterhalten wir uns beim Passieren der Kontrollposten immer betont auffällig und vermeiden jeglichen Augenkontakt mit den „Wächtern der Strasse“. Das hilft. Bisher sind wir erst ein einziges Mal kontrolliert worden. Die Nationalgarde hilft nicht nur Schmuggler zu enttarnen, sondern assistiert auch bei der Verkehrsführung. Bei Staus bildet sie Streckenposten und weist dem Autofahrer durch wildes Gestikulieren mit der Hand die Richtung, in die er bitte und vor allem schnell zu fahren hat. Im stop-and-go-Verkehr ein ziemlich sinnloses Unterfangen. Ist aber lustig und vertreibt die Zeit.
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Also ... hört sich so an, als wäre ein TT das richtige Auto für euch. Habe da einen zu verkaufen. ;-)))))
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