Sonntag, 29. März 2009

Schreibfaul

mag ich ja sein, untätig deswegen noch lange nicht:

Wir sind früh aufgestanden, waren bereits auf dem Casupo (dem kleinen Berg am Stadtrand) und ich hab gebacken - hier das Ergebnis:



Lecker, hm? Und das riecht so gut!

Eines davon ist für uns, eines werde ich morgen mit ins Büro nehmen und meinem Kollegen Guillermo schenken. Seine Frau ist gerade von ihrem eigentlich gemeinsamen Wohnort nach Valencia umgesiedelt, die beiden haben viel Stress gehabt in den letzten Wochen und zum Einzug verschenkt man doch Brot und Salz (gibt es dazu, klar), nicht wahr? ;-)

Samstag, 21. März 2009

Morgens um 7...

...ist die Welt noch in Ordnung! Jedenfalls am Samstag, denn um 7 wach zu werden, bedeutet am Samstag ausschlafen ;-)

Während der Woche klingelt der Wecker um fünf und wer mich kennt, weiss, das ist Quälerei! Aber nach der Dusche geht es und ich bin halbwegs ansprechbar. Wenn ich aus dem Bad komme (Stunden später...), hat Uli bereits Kaffee gemacht und unser Frühstück für's Büro verpackt. Beim Kaffee noch mal kurz ins Internet, nach E-Mails gucken und in "mein" Forum (im Büro haben wir seit Wochen kein Netz), dann zusammenpacken, die Tassen abspülen - ganz wichtig, denn wir sind hier ziemlich ameisengeplagt (und das im 9. Stock) und lassen nichts, was irgendwie mit Nahrung zu tun hat, offen stehen - und los geht's. Mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage, dort wartet meist schon unser Kollege, der ein Stockwerk über uns wohnt und mit dem wir uns im Moment das Auto teilen.

In der Früh fahre ich die 52 km bis Morón. Die ersten Wochen hab ich mich nicht getraut, aber irgendwann hab ich mir gedacht, ok, mach es einfach. Morgens ist der Verkehr noch nicht ganz so chaotisch wie am Nachmittag, scheinbar hören zwar alle zur gleichen Zeit auf, fangen aber nicht gleichzeitig an ;-) Vor der Peaje, der Mautstation, staut es sich allerdings immer. Völlig überflüssig, diese Einrichtung, die meisten sind inzwischen bereits stillgelegt. Aber auf unserer Strecke ist viel LKW-Verkehr unterwegs, die Autopista führt nach Puerto Cabello, dem wichtigsten Hafen des Landes und in den Industriegürtel, in dem sich unsere Baustelle und gleichfalls das alte, noch laufende Werk unseres Auftraggebers befindet. Wegen des hohen Verkehrsaufkommens mag es hier also noch lohnend sein, wir rätseln jeden Tag aufs Neue. Gerade diese Woche ist es sehr amüsant: In Richtung Valencia/Caracas stehen vor der Peaje 2 LKW mit grossen Bohrköpfen, wie sie für den Tunnelbau verwendet werden. Der Durchmesser LKW + Bohrkopf ist > Durchfahrt Peaje und wir sind gespannt, wie lange die Fracht dort stehen wird und hoffen, dass wir mitbekommen, wie das Ganze aufgelöst wird...

Nach der Peaje geht es auf die Autopista, die in 70er Jahren gebaut wurde und deren Belag immer nur fleckenweise erneuert wird. Die rechte Spur, auf der die LKW fahren, ist mehr eine Buckelpiste mit vielen Schlaglöchern; man fährt hier am besten so, wie es in Deutschland verpönt ist: Stur linke Spur! Und wenn man überholt, dann eben rechts, das ist völlig normal. Die Fahrt verläuft ereignislos, nur in El Palito ist es immer noch mal spannend. El Palito ist ein ca. 1,5 km langer Strassenzug, gehört zwar eigentlich zu Puerto Cabello, liegt aber einige Kilometer vor der Stadt. Nur eine Durchgangsstrasse, aber rechts und links ein Gewusel von Bistros, Restaurant, Coco-frio- und Empanadaständen und donnerstags und freitags am Nachmittag frischer Fisch. Doch, der ist frisch, so schön, wie er da in der warmen Nachmittagssonne glänzt, ganz bestimmt ;-)))
Aber jetzt ist es noch früh am Morgen und viele der Truckfahrer und andere Berufstätige halten an den Empanadaständen, um sich mit einem (ziemlich fettigen) Frühstück zu versorgen.

Das Besondere an El Palito: Die Strasse ist in jede Richtung 2spurig und dann gibt es noch eine Mittelspur. Die wiederum ist am Morgen nur in Richtung Norden und am Abend in Richtung Süden zu befahren. Bzw. gilt diese Regelung - ungefähr - ab Mittag. Wenn man dann falsch herum unterwegs ist, muss man eben den Rückwärtsgang einlegen und Platz machen! Das Einfädeln am Ende der Spur zurück auf die reguläre Fahrbahn hat immer ohne Probleme geklappt, bis ein schlauer Mensch eine Schranke aufgestellt hat. Die hat die Autofahrer in den Gegenverkehr gezwungen, dann musste man einen kleinen Schlenker machen und hinter der Schranke darauf hoffen, dass man a) gesehen und b) zügig wieder reingelassen wird. Der morgendliche Verkehr, ohnehin schon zähfliessend in El Palito, wurde durch diese Neuerung erst richtig ins Stocken gebracht. Ziemlich beschränkte Idee und dem Himmel sei Dank, hatte letzte Woche endlich jemand ein Einsehen. Wir konnten beobachten, dass die Schranke mit Hilfe eines Schneidbrenners fein säuberlich zerlegt wurde und alles läuft wieder so wie vorher.

Kurz vor der Baustelle gibt es noch ein weiteres Nadelöhr, eine Brücke, über die der Verkehr einspurig geleitet wird. Ist man nur einige Minuten später als sonst, kann es passieren, dass man rund 20 Minuten braucht, um über die Brücke und wieder auf die 2spurige Fahrbahn zu kommen. Interessant ist, wenn sich die 2 Spuren zu einer verjüngen: Am besten fährt man langsam weiter, nur nicht ausweichen, dann wird man garantiert beiseite gedrängt. Alles nicht mit böser Absicht, nur frei nach dem Motto "Wer zuerst kommt,..."
Dann haben wir die Einfahrt zur Baustelle erreicht. Rechts abbiegen von der Strasse über den kleinen Platz vor dem Bauzaun. Im Moment staubt es hier ordentlich, dieses Stück ist nicht geteert oder wenigstens mit Kies aufgefüllt, nur der Sandboden. Der Ausbau lässt auf sich warten, Sache des Auftraggebers, der es damit nicht eilig hat. Sollte er bis zur Regenzeit nicht fertig sein, wird es es eine lustige Schlammschlacht mit den dann ca. 1.500 Fahrzeugen, PKW und LKW, die darüber fahren ;-)

Durch das offene Tor, vorbei an den Wachposten. Die Autos der Mitarbeiter auf der Baustelle sind mit einem Schild gekennzeichnet, alle anderen werden erst einmal kontrolliert. Uns kennt man sowieso schon, wir werden freundlich gegrüsst. Während wir die letzten paar Hundert Meter fahren, können wir sehen, wie die Baustelle wächst. In der "Laydown Area" liegt immer mehr Material, blanke Edelstahlrohre, aber auch schon sehr rostige aus Schwarzstahl, das dem Klima hier, dem hohen Salzgehalt in der feuchten Seeluft nicht standhält. Verbaut werden sie trotzdem, einmal sandgestrahlt, sehen sie wieder aus wie neu ;-) Neue Gerüste sind zu sehen, Wände wachsen stetig, Kräne haben jeden Tag eine neue Position.

Wir haben das einstöckige Bürogebäude erreicht, ich parke das Auto wie vorgeschrieben rückwärts ein. Sollte es, aus welchen Gründen auch immer, einmal passieren, dass wir die Baustelle schnell verlassen müssen, muss das Auto bereits in Fahrtrichtung stehen, um keine Zeit zu verlieren. Ammoniakalarm könnte ein Grund sein, wenn unser Auftraggeber gegenüber seinen Tank auswäscht und das Abwasser durch den offenen Kanal an unserem Büro vorbei ins Meer leitet. Die ekligen, brechreizerregenden Dämpfe machen das Atmen unmöglich. Einmal ist das bisher vorgekommen, seit wir hier sind. Das war gleich in der Früh und wir sind gar nicht erst aus dem Auto gestiegen...

Heute ist aber nichts weiter zu riechen als die salzige Seeluft und wir nehmen unsere Laptop-Taschen aus dem Kofferraum, ein paar Stufen zur Eingangstür, ein "Buenas Dias" für das auch hier präsente Wachpersonal und wir betreten das Büro.

So - nun wollte ich eigentlich über einen Arbeitstag berichten und bin doch gerade erst im Büro angekommen ;-) Also, demnächst mehr und dann mit Fotos, die ich sowieso noch nicht gemacht habe...Hier schon mal eins zum neugierig machen:

Sonntag, 15. März 2009

Mérida (2)

Nachdem wir am Samstag zurück in der Posada sind und Katrin noch einmal nach dem “richtigen Weg” bzw. der genauen Dauer der Wegstrecke gefragt haben (wir hätten noch 15, 20 min weiter fahren müssen..), beschliessen wir, am Sonntag früh aufzustehen, vormittags ein bisschen im El Valle zu wandern und am Nachmittag den Paraglidingflug zu machen. So weit, so mal wieder nicht Venezuela und seine (Un)sitten und Gebräuche einkalkuliert: Wie schon erwähnt, es ist das Karnevalswochenende und das bedeutet Fiesta! Und Fiesta bedeutet Musik und die hört man natürlich laut. An Schlaf ist nicht zu denken, und nachdem auf meinem Nachtschrank noch eine Kakerlake auftaucht, sind wir beide gründlich bedient. Gegen 4 Uhr wird es doch endlich ruhiger, aber wie geplant noch vor 7 Uhr aufzustehen, schaffen wir nach der Nacht beide nicht. Ich hätte grosse Lust, wieder zurück zu fahren, bin dann aber nach der Dusche – Regenwaldfeeling unter einem grooooossen Brausekopf – wieder etwas besänftigt und halbwegs wach.

Wir gehen in das Frühstückszimmer und werden sehr nett begrüsst von Katrin und der Küchenfee. Eine solche ist sie wirklich, denn das Frühstück, das sie uns auf den Tisch zaubert, lässt endgültig die nervige Nacht und den unliebsamen Besuch auf dem Nachtschrank vergessen. Duftender Kaffee, frisch gepresster Saft, Aufschnitt und Käse hübsch angerichtet auf einem Teller, leckere Marmelade und die regionalen/venezolanischen Spezialitäten: Arepas, die hier in den Anden aus Weizenvollkornmehl gemacht werden und viel besser schmecken, Natilla, eine Creme ähnlich Crème fraiche und Perico, ab sofort unsere erklärte Lieblingsvariante von Rührei: Mit reichlich Tomatenstückchen und Zwiebel darin. Zum “Nachtisch” gibt es noch einen Obstteller mit Papaya, Melone, Ananas und – die einzige kleine Enttäuschung für mich – Banane nebst Bananenbrot. Aber Uli ist grosszügig und überlässt mir seine Melone im Tausch gegen meine Banane…

Jetzt vollends mit dem Tag versöhnt, fahren wir Richtung El Valle. Die Sonne scheint, aber es ist hier oben noch nicht zu warm, zumal hier immer ein leichter Wind weht. Ausser uns sind noch ein paar kleinere Gruppen unterwegs, wandernd wie wir oder, wie zumindest eine kleine Truppe ganz offensichtlich, nach der letzten Karnevalsnacht noch gar nicht zu Hause oder im Hotel gewesen…Deren Feier dauert noch an, mit Musik, na klar. Was uns daran und überhaupt gefällt: Die Venezolaner hören fast ausschliesslich Latinomusik. Salsa, Reggae, Reggaeton, in jedem Fall spanischsprachig. Sicher läuft auch hier die amerikanische/englische Top 40 im Radio und auf den Musiksendern (ich hab sogar im Supermarkt mal die Sportfreunde Stiller aus dem Lautsprecher dudeln hören – da war ich platt!). Aber die eigene Musik überwiegt und das ist auch gut so. Naja, jedenfalls so lange die Lautstärke halbwegs erträglich ist und einem nicht den Schlaf raubt ;-)

Nach ungefähr 2 Stunden treten wir den Rückweg an, wir wollen zeitig wieder in Mérida sein, noch etwas verschnaufen und dann zum Treffpunkt mit unserem Flight-Guide. Inzwischen ist deutlich mehr los auf dem früh noch recht ruhigen Wanderweg, Touristengruppen auf Maultieren, noch mehr Musik und rechts am Weg zig Stände mit allem, was man mehr oder weniger als andine Kunst anbieten kann, von Ponchos, zu Aschenbechern oder sonstigen Behältnissen gehämmerten Blechbüchsen (der Hersteller derselben sieht ziemlich amerikanisch/europäisch aus) über Schuhen (naja, eher Latschen) und Schmuck, Schmuck, Schmuck. Ich hab auch was gekauft, aber mehr verrate ich nicht, kann ich hier nicht ;-)

Kurze Aufregung noch, weil unser Auto eingeparkt ist. SO venezolanisch denken wir noch nicht, dass wir – eine Verabredung im Kopf – gelassen bleiben, wenn wir nicht vom Fleck kommen! Aber kein Grund zur Sorge, der Fahrer des anderen Wagens hat uns schnell entdeckt und lässt uns “frei”. Wieder in Mérida, halten wir uns nur noch kurz in der Posada auf. Hunger haben wir beide nicht, wobei bei mir nicht allein das üppige Frühstück verantwortlich ist, sondern sich vielmehr Aufregung breit macht. Eigentlich hab ich ab 1,50 m über dem Boden eine Heidenangst (ausser im Flugzeug) und heute Nachmittag will ich, nur an ein paar an einem hauchdünnen Stück Stoff befestigten Strippen hängend, rund 1.000 Höhenmeter überwinden. Ich erkläre mich selbst für verrückt, aber kneifen gilt nicht, das wäre mir jetzt zu blöd.

Wir sind etwas zu früh, aber unser Guide ist bereits da, es kann gleich losgehen. Miguel ist witzig, redselig und fliegt schon seit über 20 Jahren. Gut, dann versteht er sein Geschäft und mir wird etwas wohler. Bilde ich mir ein, denn Uli grinst mich an, weil ich gedankenversunken seine Hand ziemlich fest drücke. Doch nervöser, als ich zugeben will, aber er gesteht mir, dass er auch ein bisschen aufgeregt ist. Uli hat zwar schon einen Flug hinter sich (sogar allein), aber das ist einige Jahre her und es waren “nur” 50 m. Das hier ist doch spannender. Und vor allem höher! Aber erstmal geht es runter, aus dem Zentrum von Mérida raus. Mit uns fährt noch ein Junge von ca. 14 Jahren, ebenso nervös wie ich, er tut nur cooler. Unterwegs sammeln wir Pablo ein, ein weiterer Flight-Guide, der sich im Augenblick noch wortkarg hinter seiner Sonnenbrille versteckt. Miguel redet umso mehr, alles verstehen wir allerdings nicht, was nicht nur an unseren mangelnden Spanischkenntnissen sondern auch an seinem manchmal schwer verständlichen Englisch liegt. Dass wir, bevor wir zum Abflugort fahren, noch einen anderen Treffpunkt ansteuern, an dem wir das Equipment einsammeln und andere Paraglider treffen, verstehen wir aber.

Allein hätten wir diese beiden Strassenzüge abseits der Hauptstrasse sicher nicht angesteuert. Und trotz der Anwesenheit von Miguel und Pablo ist uns nicht so wohl zumute, zumal die beiden ziemlich plötzlich erstmal verschwunden sind. Während Uli allein durchaus als Venezolaner durchgehen würde (meine Friseurin war ganz erstaunt, als ich ihr sagte, er wäre ein Aleman wie ich), hat er mit mir an seiner Seite schlechte Karten. Unvenezolanischer geht es kaum und ich habe eigentlich überall, wo wir hingehen, erst einmal die Aufmerksamkeit aller. In diesem Fall leider auch die eines deutlich Betrunkenen, der am hellichten Nachmittag mit einer fast geleerten Flasche unterwegs billigen Whiskeys ist und uns anquatscht. Fällt es uns sowieso oft schwer, die schnell sprechenden Venezolaner und ihre Dialekte zu verstehen, haben wir bei einem lallendem Betrunkenen schon gar keine Chance. Abgesehen davon auch kein Interesse! Pablo taucht wieder auf und redet auf den Burschen ein, der wankend verschwindet. Geld wollte er, für ein Bier, erklärt Pablo und sagt uns, dass es viele, sehr viele Alkoholiker im Land gibt, speziell in den unteren Schichten. Sicher, Chavéz vom Grundgedanken her gut gemeinte “Misiones” haben (und werden) nicht alle im Land erreicht, dafür sorgt schon die allgegenwärtige Korruption (die eigentlich auch mit Hilfe der Misiones bekämpft werden sollte…).

Wir werden langsam nervös, der Aufenthalt hier dauert schon viel zu lang und es wird immer später. Nicht, dass es am Ende schon zu dunkel sein wird um zu starten?! Aber Miguel beruhigt uns, alles kein Problem. Gleich geht es los, wir mussten nur warten, bis der Wind sich beruhigt, der ist ziemlich stark heute Nachmittag. Und dann geht es endlich los! Zu uns ins Auto hat sich noch ein Mann unbestimmten Alters gesellt, er könnte 70 sein, aber auch schon 85. Er wird nachher, wenn wir mit dem Gleitschirm runterfliegen, das Auto zu unserem Landepunkt bringen. Aber jetzt fahren wir erst einmal hinauf! Allein der Weg nach oben sorgt bei mir schon für jede Menge Adrenalin. Die Strasse ist schmal, unser Geländewagen recht breit, wir haben einigen Gegenverkehr und Miguel fährt…na eben venezolanisch ;-) Aber wir kommen heil oben an und ich hab Zeit, richtig nervös zu werden: Es sind viele Leute hier, viele mit Gleitschirmen und Miguel erklärt uns, dass die Gruppe, deren Flieger wieder hier auf dem Plateau landen und nicht wie wir nach unten fliegen, vor uns starten werden. Miguel wird mit dem Jungen fliegen, Pablo mit mir und Ulis Guide wartet schon hier oben. Wir haben immer noch eine gute ¾ Stunde Wartezeit vor uns und können den anderen ganz genau beim Starten zusehen…

Aber vor den Paraglidern starten 2 Drachenflieger und mir wird ziemlich mulmig zumute, als ich die beiden nacheinander auf den Abhang zulaufen und 1 Sekunde später in der Luft schweben sehe. Die beiden sind Profis und es macht richtig Spass, ihnen beim Fliegen zuzusehen.
Jetzt bereiten sich die ersten Gleitschirmflieger vor. Schirme werden ausgebreitet, Helme verteilt und merkwürdige, sitzsackähnliche Gebilde umgeschnallt. Uli macht eifrig Fotos, vom “Ankleiden”, Anschnüren von Guide und Mitflieger und den ersten Starts. Dann ist es soweit, jedenfalls für ihn. Sein Guide ruft ihn, schnell noch die Kamera ins Auto und er wird präpariert für den Flug. Während ich noch zusehe, winkt Pablo nach mir, es wird ernst. Vorerst setzt er mir aber nur den Helm auf den Kopf und gurtet mir den merkwürdigen Sitzsack um. So ausstaffiert, hab ich noch Zeit, Ulis Start zu beobachten und ich muss sagen, ich hab ganz schön Herzklopfen, als ich ihn in die Lüfte abheben sehe. Hoffentlich geht alles gut! denke ich noch und da gibt Pablo mir auch schon ein Zeichen, jetzt bin ich an der Reihe…Fest an meinen Guide geschnallt, der wiederum mit den zig Schnüren des Schirms, die nach unten zusammenlaufen, verbunden ist, warte ich auf den Moment des Abhebens. Wir müssen nicht den Hang runterlaufen (das war meine grösste Sorge) und ins “Nichts” springen; der Wind ist stark genug, uns direkt nach oben zu tragen. Nur die Richtung muss stimmen und das tut sie gerade scheinbar nicht. 3 weitere Guides helfen Pablo, den ausgebreiteten Schirm, an dem der Wind zerrt, zu bändigen. Einen Moment lang denke ich, ok, halt, ich will nicht mehr. Aber kaum zu Ende gedacht, reisst es mich von den Füssen und es geht aufwärts. “Sientate” (setz dich), ruft Pablo gegen Wind und ich versuche, mich mit so wenig Bewegung wie möglich in dem Sitzsack zu positionieren.

Dann hole ich tief Luft und schaue mich um. Und – nach unten! Unglaublich, wie hoch über dem Plateau wir nach ein paar Sekunden schon schweben. Und unglaublich, wie still es hier oben ist, abgesehen vom Rauschen des Windes. Ich bin noch nicht sicher, ob ich Angst habe oder einfach geniesse, entscheide mich aber für Letzteres und lasse mich ganz auf das Schweben ein. Wunderschön ist das und ich höre zwar Pablos Erklärungen, was in dieser oder jener Himmelsrichtung zu sehen ist, aber es kommt nicht so richtig bei mir an. Zu gefangen bin ich in dem Gefühl von Schwerelosigkeit, das ich am liebsten noch stundenlang erleben möchte. Nur 2 Dinge halten mich davon ab: Der Flug ist begrenzt auf 30 bis 40 Minuten. Und mein Magen, der inzwischen scheinbar mitbekommen hat, dass alles etwas anders ist, meldet leisen Protest an. Eine Weile kann ich das noch ignorieren, die Sicht, die Eindrücke und Pablos Stimme lenken mich ab. Aber dann muss ich mich schweren Herzens entscheiden und bitte Pablo, jetzt langsam unseren Landeplatz anzusteuern. Uli hat bereits wieder festen Boden unter den Füssen und beobachtet unseren Landeanflug. Kurz vor der Landung muss ich “aufstehen” und als meine Füsse den Boden berühren, muss ich laufen. Ein paar Schritte nur, aber es fühlt sich merkwürdig an und ich bin froh, dass Ulis Guide mir entgegenkommt und mich auffängt. Er und Pablo nehmen mir Helm und Sitzsack ab und ich stolpere zu Uli, der ganz entspannt auf dem Boden sitzt. Mit zitternden Knien setze ich mich neben ihn und auf seine Frage “Und, wie war’s?” öffnen sich die Schleusen…Ich bin völlig überwältigt und die Tränen laufen mir übers Gesicht. Es dauert eine Weile, bis ich mich wieder beruhigt habe, die Nervosität vor dem Flug, das Gefühl währenddessen – das hat mich ziemlich mitgenommen. Uli ist zwar nicht weniger begeistert als ich, aber trotzdem gelassener. Wir entscheiden uns, nicht mit dem Auto zu dem Treffpunkt zurückzufahren, sondern zu laufen – wir sind nur ein paar Hundert Meter von den 2 kleinen Strassen entfernt, in denen wir uns schon vor dem Flug aufgehalten haben. Hier gibt es noch ein Getränk, ein paar Worte werden gewechselt und dann geht es zurück nach Mérida. Gegen halb Neun sind wir wieder in unserer Posada, erschöpft, aber sehr zufrieden mit dem Tag. Hunger habe ich überhaupt keinen, Uli geht es nicht anders.

Also entscheiden wir uns für frühes Aufstehen und gehen schlafen. Nach dem Tag fallen uns beiden schnell die Augen zu und in meinem Traum fliege ich noch einmal…

Sonntag, 8. März 2009

Die Anden: Mérida (1)

Zitat: “Mérida ist ein entzückender Ort, der zu einem geruhsamen Bummel einlädt.” Zitat Ende

So steht es in unserem Reiseführer zu lesen und dieser Satz hat sich in meinem Kopf festgesetzt und entsprechende Erwartungen an das Zentrum der Andenregion geprägt. Ein Bild bergdörflicher Idylle hab ich mir ausgemalt und mich entsprechend drauf gefreut, nur 2 Dinge habe ich dabei übersehen: Mérida hat rd. 310 000 Einwohner und es ist eben auch Venezuela. Noch dazu zu Karneval (obwohl uns jeder sagte, alle Welt würde an die Küste feiern…) voll(er) und laut(er) als ohnehin schon.

Aber ich berichte von Anfang an:

Freitag Früh, 7:30 Uhr. Wenn alles gut läuft, haben wir in 8 – 9 Stunden Fahrt unser Ziel erreicht. Es ist hier normal, für ein (verlängertes) Wochenende einen halben Tag im Auto zu verbringen, um sein Ziel zu erreichen, wir haben allerdings eine Übernachtung eingeplant. Wir hätten zwar auch fliegen können, aber wir wollen das Land kennenlernen, sehen, wie sich von Kilometer zu Kilometer, von Ort zu Ort die Landschaft verändert.
Wie üblich, läuft nicht alles so gut wie erhofft ;-) Barquisimeto, die viertgrösste Stadt Venezuelas, bietet am späten Vormittag chaotischen Stadtverkehr, so dass wir uns erstmal verfahren und eine gute Stunde verlieren. Sei’s drum, die Uhren gehen hier anders und es lohnt nicht, sich zu ärgern. Auch, dass wir ungefähr eineinhalb Stunden später feststellen, dass wir in Barquisimeto die Abfahrt auf die eigentlich geplante Route verpasst haben (dank der schlechten Beschilderung in der Stadt), bringt uns nicht mehr aus der Ruhe: Es führt noch eine andere Strecke nach Mérida, kein Problem.

Angekommen in Valera, der grössten Stadt des Bundesstaates Trujillo, wo wir übernachten wollten, macht sich erst einmal Enttäuschung breit. Wir sind zwar bereits in den Anden (wenngleich noch nicht sehr hoch), aber hier wollen wir auf keinen Fall bleiben. Nichts Schönes zu sehen, nichts, was zum Bleiben veranlassen könnte. Also beschliessen wir, weiterzufahren, entweder bis Mérida in einem “Rutsch” oder vorher noch eine nettere Übernachtungsmöglichkeit am Weg zu entdecken und dort zu bleiben. Es gibt eine Menge Posadas (vergleichbar mit deutschen Privatpensionen) in Venezuela, speziell in den Feriengebieten, da wird sich bestimmt etwas finden.

Weiter geht es, höher in die Anden hinauf – Valera liegt gerademal auf knapp über 1.000 m – und endlich stellt sich auch das Gefühl ein, in den Bergen zu sein. In La Puerta, dem Tor zu den Anden, und auf der Weiterfahrt von dort, gefällt es uns immer besser und wir geniessen die mehr und mehr spektakulären Blicke, je höher die Strasse führt und die klare, frische Luft, die wir aus Valencia und Morón nicht kennen.

Auf ungefähr 4.000 m Höhe, wir haben schon Wolken unter uns, halten wir an, um auszusteigen und ein Foto zu machen. Ich mache nur ein paar Schritte und merke, wie mir schwindelig wird, fast schon übel. Die Luft hier oben ist merklich dünner und wir setzen uns schnell wieder ins Auto, um weiterzufahren. Am späten Nachmittag kommen wir in Mucuchies, einem kleinen, nicht besonders schönen Ort, an. Aber – an der Hauptstrasse steht ein Hotel, das einen ordentlichen Eindruck macht und wir haben beide keine Lust mehr, die letzten 60 km zu fahren. Klingt nicht besonders weit, aber die kurvigen Bergstrassen verlängern die Fahrtzeit doch deutlich und es wird bereits dunkel. Also checken wir im Hotel ein, laufen ein bisschen durch den Ort und lassen uns abends in einem guten Restaurant die erste venezolanische Andenforelle (spanisch: Trucha, und typisch für diese Region), sehr lecker zubereitet mit Kräutern und Knoblauch, schmecken.

Früh am nächsten Morgen brechen wir auf, wir haben uns entschlossen, nicht im Hotel zu frühstücken. Es gibt zahlreiche Cafetins und kleine Restaurants an der Strasse, die ein typisch venezolanisches und damit sehr reichhaltiges Frühstück anbieten: Carne mechada (in Fasern gerupftes, mit Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Gewürzen gebratenes Rindfleisch) mit Caraotes negros (schwarze Bohnen) und geriebenem Käse. Dazu werden Arepas gereicht, kleine runde Maismehlfladen, die man eigentlich aufschneidet und mit Fleisch, Bohnen und Käse füllt und dann versucht, unfallfrei hineinzubeissen ;-) Wir mögen Arepas nicht besonders, also verzichten wir und widmen uns dem “Rest” und dem leckeren Kaffee, der – venezolanische Strassencafés machen sich keine grossen Umstände - in kleinen Plastikbechern serviert wird.

Nach dem Frühstück, das eine Mahlzeit für den ganzen Tag ist, fahren wir die letzten Kilometer bis Mérida durch, an dessen Stadtgrenze wieder mal heftig in verschiedene Richtungen gestikulierende Polizisten der Guardia Nacional stehen. Macht nichts, der Verkehr fliesst trotzdem, wenn auch langsam. Es ist eben Karnevalswochenende und wie in Deutschland bedeutet das, in Teilen des Landes wird auch am Montag und Dienstag nicht gearbeitet. Dementsprechend sind die Strassen des Zentrums voll, es wird allenthalben gehupt (aber nie unfreundlich ;-) und wir brauchen ein Weilchen, bis wir unsere Posada gefunden haben. Das Strassensystem hier ist in den meisten Städten denkbar einfach: Schachbrettmuster und die Strassen sind Einbahnstrassen, immer abwechselnd in der Richtung und durchnummeriert in alle Himmelsrichtungen.

Wir lassen unser Gepäck erst einmal im Auto, klingeln an der Pforte der Posada Casa Sol, die Tür wird per Knopfdruck von innen geöffnet und ohhhhh…
Die Posadabetreiberinnen sind Schweizerinnen und die den Schweizern eigene Ordnung und Gründlichkeit ist hier sehr sichtbar. Aber nicht nur das, hier hat jemand mit viel Liebe zum Detail und viel Phantasie ein Refugium geschaffen, das man inmitten des hektischen Stadtzentrums nicht erwartet hätte. Wir haben uns zwar vorher schon Bilder der Posada im Internet angeschaut, aber die Realität übertrifft alle Erwartungen. Die beiden Mädels am Empfang sind sehr nett, sprechen Englisch, sind aber auch geduldig mit unserem Spanisch, die Verständigung klappt einwandfrei. Tatsächlich haben einige Menschen hier in Mérida eine deutlichere, langsamere Aussprache als in Valencia, das macht es für uns etwas einfacher.

Unser Zimmer ist noch nicht ganz bezugsfertig, aber das macht nichts. Wir bekommen einen Kaffee gebracht, den wir in dem kleinen, sonnendurchfluteten Patio trinken und dann schauen wir uns erst einmal um. Terrazzoboden, Bilder an den Wänden, ein Bassin mit (lebender) Schildkröte, ein gemauertes Wasserbecken mit einer interessanten Metallinstallation, alles sehr einfallsreich und schön gestaltet. Ein gemütlicher Frühstücksbereich, an den sich ein kleiner Innenhof anschliesst, der von einem alten Avocadobaum beherrscht wird. Wir sind begeistert und der erste Eindruck von Mérida wird gerade wieder aufpoliert.

Nachdem wir unser Zimmer bezogen haben, ziehen wir los, um den besagten “geruhsamen Bummel durch den entzückenden Ort” zu machen. Na, Pustekuchen – es ist heiss, in den engen Strassen staut sich die Hitze und wie üblich ist es laut und voll. Ok, wir lassen uns davon nicht beeindrucken, zumal wir gerade ein Schild einer Posada entdecken, die auch Touren anbietet. Und: "Wir sprechen Englisch und Deutsch" steht auf dem Schild. Sehr praktisch, wir gehen rein, um uns einen Überblick über das Angebot zu verschaffen. Mérida gilt als das Aktivsportzentrum des Landes, da wird doch sicher auch für uns etwas dabei sein. Die junge Dame, die uns die Touren/Ausflüge erklärt, ist sehr nett und hilfsbereit. Aber danke, eine Tagestour im Bus mit einer kleinen Zwischendurchwanderung? Wir haben gerade einen ganzen Tag im Auto verbracht, das muss also nicht sein. Canoying? Hm, schon eher. Wandern und anschliessend Baden in heissen Quellen, eine nette Option, aber wir haben kein Badezeug dabei. Ein Tandem-Paraglidingflug?! Das wollte ich schon immer mal machen, wenn ich auch bei dem Gedanken, es jetzt wirklich in die Tat umzusetzen, arg Herzklopfen bekomme. Aber noch haben wir uns nicht entschieden, wir nehmen den Zettel mit den verschiedenen Möglichkeiten mit, schlendern noch ein bisschen durch die Strassen und finden ein kleines, vegetarisches Lokal, in dem auch frische Fruchtsäfte angeboten werden. Guayaba (das sind die schrumpeligen Dinger, die ich auf dem ersten Foto hier im Blog in der Hand halte) für mich, Parchita (Maracuja oder Passionsfrucht) für Uli. Lecker und sehr erfrischend. Wir besprechen noch mal die verschiedenen Möglichkeiten und stellen fest, dass wir durchaus alleine wandern können, heisse Quellen auch von Valencia aus gut erreichbar sind und die Bustour sowieso nicht infrage kommt. Also fällt die Entscheidung zugunsten des Paraglidingfluges und obwohl mir das Herz gerade noch mal in die Hose rutscht, will ich jetzt nicht mehr kneifen!
Also wieder zurück zur Posada und 2 Tandemflüge gebucht für den nächsten Nachmittag. Anschliessend, Aufregung macht hungrig, essen wir etwas (Forelle, na klar) und fahren dann mit dem Auto weiter in die Berge hinauf. Tipp von Katrin, die die Posada betreibt: Das El Valle, “Das Tal”, ist “nicht weit den Berg hinauf und da könnt’s ein bisschen laufen, das geht ganz gut da” hat sie gesagt. Wir fahren eine gute ¾ Stunde rauf, aber ausser ein paar Häusern rechts und links ist nichts zu sehen. Kein Parkplatz oder irgendein Hinweis darauf, dass hier ein Wanderweg beginnt.

Etwas entnervt drehen wir um und kehren noch in eines der Lokale ein, das etwas abseits der Strasse liegt. Kaffee und Pfirsiche (aus der Dose…) für Uli und ein Calentao für mich. Ein andines Heissgetränk mit vielen Kräutern, Honig und einem Schuss Alkohol, wärmt gut durch und schmeckt sehr lecker! Beruhigt ausserdem, mich jedenfalls, da meine Gedanken doch immer wieder zu dem bevorstehenden Flug abschweifen.

Aber davon in den nächsten Tagen mehr!

Montag, 2. März 2009

"Einkaufsparadies" (von Uli)

Bevor wir von unserem Wochenende in den Anden berichten, hier Ulis ganz besonderes Einkaufsvergnügen ;-)

Wenn es alles gäbe, würde es ja richtig Spass machen. Aber Einkaufen in einem Land auf dem Weg zur real-existierenden Mangelwirtschaft hat auch viel mit Glück zu tun.
Ok, die Regale in den Supermärkten sind gefüllt, auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass es Kaffee nicht immer gibt. Warum denn das? Ist nicht Venezuela Kaffeeland? Oder zumindest doch Kolumbien, das Nachbarland. Da sollte es doch kein Problem sein, immer und überall Kaffee anzubieten. Ist es aber. Warum weiß der Henker. Wir haben es öfters erlebt, dass zwar Kaffee da war, aber nur max. 1 kg pro Person eingekauft werden durfte. Die ersten vier Wochen haben wir mit Zuckerersatzstoff überbrückt, weil es keinen Zucker zu kaufen gab. Dafür gab es Wachteleier im Überfluss. Äußerst merkwürdig.

Die Essgewohnheiten passen sich sehr schnell den lokalen Möglichkeiten an. Aufschnitt oder Salami? Das lässt man besser bleiben, denn das magere Angebot gibt nicht viel her und wenn es dann doch mal Aufschnitt gibt, kauft man ihn besser nicht. Sieht weder appetitlich aus, noch hat er Geschmack. Salami ist nur gut, wenn importierte Ware angeboten wird. Die dann aber zu hohen Importpreisen. Käse schmeckt leider auch nicht, hat eigentlich gar keinen Eigengeschmack, kann man also auch bleiben lassen. Es sei denn, importierteter Edamer oder Leerdamer. Der schmeckt wie zu Hause, kein Wunder, der kommt ja auch daher.

Es gibt aber auch leckere Sachen, die es in Europa nur selten oder gar nicht gibt. Z.B. Papaya. Die sind süss und saftig. Oder Melonen. Früchte überhaupt sind reichlich vorhanden. Viele davon haben wir zum ersten Mal hier gesehen. Die haben so wohlklingende Namen wie Guayaba oder Parchita und sind wirklich lecker. Andere waren so hart oder sauer, dass wir sie gar nicht essen konnten. Vielleicht muss man die erst kochen oder reifen lassen. Wir werden es herausfinden.

Gutes Brot scheint ein Geheimnis deutscher Bäcker zu bleiben. Denn ausserhalb der Grenzen deutschsprachiger Länder haben wir bisher weder Vollkornbrot noch Schwarzbrot gefunden, es sei denn ein deutscher Bäcker hat sich irgendwo in der Fremde nieder gelassen. Nach Valencia ist noch keiner gekommen, sonst wüssten wir das. Hier gibt es nur weiches, weisses Gummitoastbrot. Das Bedürfnis, in ein Vollkornbrot zu beissen, hat uns soweit getrieben, dass wir mittlerweile unser Brot selbst backen. Das ist auch nicht schwerer als Kuchen backen, vorausgesetzt man hat die geeigneten Zutaten. Da Hefe zu bekommen fast unmöglich ist, haben wir anfangs mit Sauerteig gebacken. Leider ging das Brot nicht soweit auf und blieb relativ klein und hart. Mit der Trockenhefe, die uns eine Arbeitskollegin aus Kolumbien mitbrachte, geht es schon besser. Mit jedem Backvorgang nähern wir uns dem Idealziel eines deutschen Brotes und bringen, wenn wir eingeladen sind, auch schon mal ein Exemplar unserer neu gewonnenen Backkünste mit.

Die Kosten für Lebensmittel sind sehr unterschiedlich. Alles Importierte ist teuer und das sind über 90% der Regalinhalte. Nur lokale Produkte wie Obst, Gemüse und Fisch sind wirklich günstig. Zu Silvester haben wir uns ein importiertes Schwarzbrot aus Deutschland geleistet. Das war ebenso teuer wie das ½ Kilo Gambas, das es dazu gab.

Wer denkt, dass Deutschland eine Servicewüste mit meist unwilligem und unfreundlichem Verkaufpersonal ist, der wird spätestens an der Kasse eines venezolanischen Supermarktes vom Gegenteil überzeugt. Dazu kommt noch eine venezolanische Besonderheit. Wer die Unverfrorenheit besitzt, die Kassiererin mit einem gefüllten Einkaufswagen zu belästigen, wird zuerst nach seiner RIF-Nummer gefragt. RIF-Nummer? Das hab ich mich auch das erste Mal gefragt. Das ist die Steuernummer, die vor jedem Bezahlvorgang, sei es in einem Supermarkt oder sonst wo, in den Kassencomputer eingegeben werden muss. Dann erscheint auf dem Display sofort die Identität des Einkaufenden mit Name, Adresse und Telefonnummer. Soviel zum lokalen Datenschutz. Als Fremder habe ich keine Steuernummer. Also fragt mich die Kassiererin nach meiner Ausweisnummer, Adresse und Telefonnummer. Ich habe aber keine Lust, meine persönlichen Daten rauszugeben, wer weiss, ob das nicht in einem Einbruch oder im schlimmsten Fall in einer Entführung endet. Also entscheide ich mich zu Fantasiedaten. Ich nenne eine achtstellige Nummer und behaupte, das sei meine Ausweisnummer. Das reicht in der Regel. Als Namen gebe ich an Hugo Habicht, Daniel Duesentrieb oder was mir sonst in dem Moment einfällt. Kontrolliert wird nicht und ich darf bezahlen. Der Sinn dieser Datenerfassung hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Das ist aber noch nicht alles. Am Ausgang wartet schon die nächste Kontrolle. Bevor ich den Supermarkt verlassen darf, wird mein Kassenbon mit dem Inhalt meines Einkaufswagens verglichen und abgestempelt. Jetzt erst darf ich zum Auto...