Nachdem wir am Samstag zurück in der Posada sind und Katrin noch einmal nach dem “richtigen Weg” bzw. der genauen Dauer der Wegstrecke gefragt haben (wir hätten noch 15, 20 min weiter fahren müssen..), beschliessen wir, am Sonntag früh aufzustehen, vormittags ein bisschen im El Valle zu wandern und am Nachmittag den Paraglidingflug zu machen. So weit, so mal wieder nicht Venezuela und seine (Un)sitten und Gebräuche einkalkuliert: Wie schon erwähnt, es ist das Karnevalswochenende und das bedeutet Fiesta! Und Fiesta bedeutet Musik und die hört man natürlich laut. An Schlaf ist nicht zu denken, und nachdem auf meinem Nachtschrank noch eine Kakerlake auftaucht, sind wir beide gründlich bedient. Gegen 4 Uhr wird es doch endlich ruhiger, aber wie geplant noch vor 7 Uhr aufzustehen, schaffen wir nach der Nacht beide nicht. Ich hätte grosse Lust, wieder zurück zu fahren, bin dann aber nach der Dusche – Regenwaldfeeling unter einem grooooossen Brausekopf – wieder etwas besänftigt und halbwegs wach.
Wir gehen in das Frühstückszimmer und werden sehr nett begrüsst von Katrin und der Küchenfee. Eine solche ist sie wirklich, denn das Frühstück, das sie uns auf den Tisch zaubert, lässt endgültig die nervige Nacht und den unliebsamen Besuch auf dem Nachtschrank vergessen. Duftender Kaffee, frisch gepresster Saft, Aufschnitt und Käse hübsch angerichtet auf einem Teller, leckere Marmelade und die regionalen/venezolanischen Spezialitäten: Arepas, die hier in den Anden aus Weizenvollkornmehl gemacht werden und viel besser schmecken, Natilla, eine Creme ähnlich Crème fraiche und Perico, ab sofort unsere erklärte Lieblingsvariante von Rührei: Mit reichlich Tomatenstückchen und Zwiebel darin. Zum “Nachtisch” gibt es noch einen Obstteller mit Papaya, Melone, Ananas und – die einzige kleine Enttäuschung für mich – Banane nebst Bananenbrot. Aber Uli ist grosszügig und überlässt mir seine Melone im Tausch gegen meine Banane…
Jetzt vollends mit dem Tag versöhnt, fahren wir Richtung El Valle. Die Sonne scheint, aber es ist hier oben noch nicht zu warm, zumal hier immer ein leichter Wind weht. Ausser uns sind noch ein paar kleinere Gruppen unterwegs, wandernd wie wir oder, wie zumindest eine kleine Truppe ganz offensichtlich, nach der letzten Karnevalsnacht noch gar nicht zu Hause oder im Hotel gewesen…Deren Feier dauert noch an, mit Musik, na klar. Was uns daran und überhaupt gefällt: Die Venezolaner hören fast ausschliesslich Latinomusik. Salsa, Reggae, Reggaeton, in jedem Fall spanischsprachig. Sicher läuft auch hier die amerikanische/englische Top 40 im Radio und auf den Musiksendern (ich hab sogar im Supermarkt mal die Sportfreunde Stiller aus dem Lautsprecher dudeln hören – da war ich platt!). Aber die eigene Musik überwiegt und das ist auch gut so. Naja, jedenfalls so lange die Lautstärke halbwegs erträglich ist und einem nicht den Schlaf raubt ;-)
Nach ungefähr 2 Stunden treten wir den Rückweg an, wir wollen zeitig wieder in Mérida sein, noch etwas verschnaufen und dann zum Treffpunkt mit unserem Flight-Guide. Inzwischen ist deutlich mehr los auf dem früh noch recht ruhigen Wanderweg, Touristengruppen auf Maultieren, noch mehr Musik und rechts am Weg zig Stände mit allem, was man mehr oder weniger als andine Kunst anbieten kann, von Ponchos, zu Aschenbechern oder sonstigen Behältnissen gehämmerten Blechbüchsen (der Hersteller derselben sieht ziemlich amerikanisch/europäisch aus) über Schuhen (naja, eher Latschen) und Schmuck, Schmuck, Schmuck. Ich hab auch was gekauft, aber mehr verrate ich nicht, kann ich hier nicht ;-)
Kurze Aufregung noch, weil unser Auto eingeparkt ist. SO venezolanisch denken wir noch nicht, dass wir – eine Verabredung im Kopf – gelassen bleiben, wenn wir nicht vom Fleck kommen! Aber kein Grund zur Sorge, der Fahrer des anderen Wagens hat uns schnell entdeckt und lässt uns “frei”. Wieder in Mérida, halten wir uns nur noch kurz in der Posada auf. Hunger haben wir beide nicht, wobei bei mir nicht allein das üppige Frühstück verantwortlich ist, sondern sich vielmehr Aufregung breit macht. Eigentlich hab ich ab 1,50 m über dem Boden eine Heidenangst (ausser im Flugzeug) und heute Nachmittag will ich, nur an ein paar an einem hauchdünnen Stück Stoff befestigten Strippen hängend, rund 1.000 Höhenmeter überwinden. Ich erkläre mich selbst für verrückt, aber kneifen gilt nicht, das wäre mir jetzt zu blöd.
Wir sind etwas zu früh, aber unser Guide ist bereits da, es kann gleich losgehen. Miguel ist witzig, redselig und fliegt schon seit über 20 Jahren. Gut, dann versteht er sein Geschäft und mir wird etwas wohler. Bilde ich mir ein, denn Uli grinst mich an, weil ich gedankenversunken seine Hand ziemlich fest drücke. Doch nervöser, als ich zugeben will, aber er gesteht mir, dass er auch ein bisschen aufgeregt ist. Uli hat zwar schon einen Flug hinter sich (sogar allein), aber das ist einige Jahre her und es waren “nur” 50 m. Das hier ist doch spannender. Und vor allem höher! Aber erstmal geht es runter, aus dem Zentrum von Mérida raus. Mit uns fährt noch ein Junge von ca. 14 Jahren, ebenso nervös wie ich, er tut nur cooler. Unterwegs sammeln wir Pablo ein, ein weiterer Flight-Guide, der sich im Augenblick noch wortkarg hinter seiner Sonnenbrille versteckt. Miguel redet umso mehr, alles verstehen wir allerdings nicht, was nicht nur an unseren mangelnden Spanischkenntnissen sondern auch an seinem manchmal schwer verständlichen Englisch liegt. Dass wir, bevor wir zum Abflugort fahren, noch einen anderen Treffpunkt ansteuern, an dem wir das Equipment einsammeln und andere Paraglider treffen, verstehen wir aber.
Allein hätten wir diese beiden Strassenzüge abseits der Hauptstrasse sicher nicht angesteuert. Und trotz der Anwesenheit von Miguel und Pablo ist uns nicht so wohl zumute, zumal die beiden ziemlich plötzlich erstmal verschwunden sind. Während Uli allein durchaus als Venezolaner durchgehen würde (meine Friseurin war ganz erstaunt, als ich ihr sagte, er wäre ein Aleman wie ich), hat er mit mir an seiner Seite schlechte Karten. Unvenezolanischer geht es kaum und ich habe eigentlich überall, wo wir hingehen, erst einmal die Aufmerksamkeit aller. In diesem Fall leider auch die eines deutlich Betrunkenen, der am hellichten Nachmittag mit einer fast geleerten Flasche unterwegs billigen Whiskeys ist und uns anquatscht. Fällt es uns sowieso oft schwer, die schnell sprechenden Venezolaner und ihre Dialekte zu verstehen, haben wir bei einem lallendem Betrunkenen schon gar keine Chance. Abgesehen davon auch kein Interesse! Pablo taucht wieder auf und redet auf den Burschen ein, der wankend verschwindet. Geld wollte er, für ein Bier, erklärt Pablo und sagt uns, dass es viele, sehr viele Alkoholiker im Land gibt, speziell in den unteren Schichten. Sicher, Chavéz vom Grundgedanken her gut gemeinte “Misiones” haben (und werden) nicht alle im Land erreicht, dafür sorgt schon die allgegenwärtige Korruption (die eigentlich auch mit Hilfe der Misiones bekämpft werden sollte…).
Wir werden langsam nervös, der Aufenthalt hier dauert schon viel zu lang und es wird immer später. Nicht, dass es am Ende schon zu dunkel sein wird um zu starten?! Aber Miguel beruhigt uns, alles kein Problem. Gleich geht es los, wir mussten nur warten, bis der Wind sich beruhigt, der ist ziemlich stark heute Nachmittag. Und dann geht es endlich los! Zu uns ins Auto hat sich noch ein Mann unbestimmten Alters gesellt, er könnte 70 sein, aber auch schon 85. Er wird nachher, wenn wir mit dem Gleitschirm runterfliegen, das Auto zu unserem Landepunkt bringen. Aber jetzt fahren wir erst einmal hinauf! Allein der Weg nach oben sorgt bei mir schon für jede Menge Adrenalin. Die Strasse ist schmal, unser Geländewagen recht breit, wir haben einigen Gegenverkehr und Miguel fährt…na eben venezolanisch ;-) Aber wir kommen heil oben an und ich hab Zeit, richtig nervös zu werden: Es sind viele Leute hier, viele mit Gleitschirmen und Miguel erklärt uns, dass die Gruppe, deren Flieger wieder hier auf dem Plateau landen und nicht wie wir nach unten fliegen, vor uns starten werden. Miguel wird mit dem Jungen fliegen, Pablo mit mir und Ulis Guide wartet schon hier oben. Wir haben immer noch eine gute ¾ Stunde Wartezeit vor uns und können den anderen ganz genau beim Starten zusehen…
Aber vor den Paraglidern starten 2 Drachenflieger und mir wird ziemlich mulmig zumute, als ich die beiden nacheinander auf den Abhang zulaufen und 1 Sekunde später in der Luft schweben sehe. Die beiden sind Profis und es macht richtig Spass, ihnen beim Fliegen zuzusehen.
Jetzt bereiten sich die ersten Gleitschirmflieger vor. Schirme werden ausgebreitet, Helme verteilt und merkwürdige, sitzsackähnliche Gebilde umgeschnallt. Uli macht eifrig Fotos, vom “Ankleiden”, Anschnüren von Guide und Mitflieger und den ersten Starts. Dann ist es soweit, jedenfalls für ihn. Sein Guide ruft ihn, schnell noch die Kamera ins Auto und er wird präpariert für den Flug. Während ich noch zusehe, winkt Pablo nach mir, es wird ernst. Vorerst setzt er mir aber nur den Helm auf den Kopf und gurtet mir den merkwürdigen Sitzsack um. So ausstaffiert, hab ich noch Zeit, Ulis Start zu beobachten und ich muss sagen, ich hab ganz schön Herzklopfen, als ich ihn in die Lüfte abheben sehe. Hoffentlich geht alles gut! denke ich noch und da gibt Pablo mir auch schon ein Zeichen, jetzt bin ich an der Reihe…Fest an meinen Guide geschnallt, der wiederum mit den zig Schnüren des Schirms, die nach unten zusammenlaufen, verbunden ist, warte ich auf den Moment des Abhebens. Wir müssen nicht den Hang runterlaufen (das war meine grösste Sorge) und ins “Nichts” springen; der Wind ist stark genug, uns direkt nach oben zu tragen. Nur die Richtung muss stimmen und das tut sie gerade scheinbar nicht. 3 weitere Guides helfen Pablo, den ausgebreiteten Schirm, an dem der Wind zerrt, zu bändigen. Einen Moment lang denke ich, ok, halt, ich will nicht mehr. Aber kaum zu Ende gedacht, reisst es mich von den Füssen und es geht aufwärts. “Sientate” (setz dich), ruft Pablo gegen Wind und ich versuche, mich mit so wenig Bewegung wie möglich in dem Sitzsack zu positionieren.
Dann hole ich tief Luft und schaue mich um. Und – nach unten! Unglaublich, wie hoch über dem Plateau wir nach ein paar Sekunden schon schweben. Und unglaublich, wie still es hier oben ist, abgesehen vom Rauschen des Windes. Ich bin noch nicht sicher, ob ich Angst habe oder einfach geniesse, entscheide mich aber für Letzteres und lasse mich ganz auf das Schweben ein. Wunderschön ist das und ich höre zwar Pablos Erklärungen, was in dieser oder jener Himmelsrichtung zu sehen ist, aber es kommt nicht so richtig bei mir an. Zu gefangen bin ich in dem Gefühl von Schwerelosigkeit, das ich am liebsten noch stundenlang erleben möchte. Nur 2 Dinge halten mich davon ab: Der Flug ist begrenzt auf 30 bis 40 Minuten. Und mein Magen, der inzwischen scheinbar mitbekommen hat, dass alles etwas anders ist, meldet leisen Protest an. Eine Weile kann ich das noch ignorieren, die Sicht, die Eindrücke und Pablos Stimme lenken mich ab. Aber dann muss ich mich schweren Herzens entscheiden und bitte Pablo, jetzt langsam unseren Landeplatz anzusteuern. Uli hat bereits wieder festen Boden unter den Füssen und beobachtet unseren Landeanflug. Kurz vor der Landung muss ich “aufstehen” und als meine Füsse den Boden berühren, muss ich laufen. Ein paar Schritte nur, aber es fühlt sich merkwürdig an und ich bin froh, dass Ulis Guide mir entgegenkommt und mich auffängt. Er und Pablo nehmen mir Helm und Sitzsack ab und ich stolpere zu Uli, der ganz entspannt auf dem Boden sitzt. Mit zitternden Knien setze ich mich neben ihn und auf seine Frage “Und, wie war’s?” öffnen sich die Schleusen…Ich bin völlig überwältigt und die Tränen laufen mir übers Gesicht. Es dauert eine Weile, bis ich mich wieder beruhigt habe, die Nervosität vor dem Flug, das Gefühl währenddessen – das hat mich ziemlich mitgenommen. Uli ist zwar nicht weniger begeistert als ich, aber trotzdem gelassener. Wir entscheiden uns, nicht mit dem Auto zu dem Treffpunkt zurückzufahren, sondern zu laufen – wir sind nur ein paar Hundert Meter von den 2 kleinen Strassen entfernt, in denen wir uns schon vor dem Flug aufgehalten haben. Hier gibt es noch ein Getränk, ein paar Worte werden gewechselt und dann geht es zurück nach Mérida. Gegen halb Neun sind wir wieder in unserer Posada, erschöpft, aber sehr zufrieden mit dem Tag. Hunger habe ich überhaupt keinen, Uli geht es nicht anders.
Also entscheiden wir uns für frühes Aufstehen und gehen schlafen. Nach dem Tag fallen uns beiden schnell die Augen zu und in meinem Traum fliege ich noch einmal…
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