Sonntag, 8. März 2009

Die Anden: Mérida (1)

Zitat: “Mérida ist ein entzückender Ort, der zu einem geruhsamen Bummel einlädt.” Zitat Ende

So steht es in unserem Reiseführer zu lesen und dieser Satz hat sich in meinem Kopf festgesetzt und entsprechende Erwartungen an das Zentrum der Andenregion geprägt. Ein Bild bergdörflicher Idylle hab ich mir ausgemalt und mich entsprechend drauf gefreut, nur 2 Dinge habe ich dabei übersehen: Mérida hat rd. 310 000 Einwohner und es ist eben auch Venezuela. Noch dazu zu Karneval (obwohl uns jeder sagte, alle Welt würde an die Küste feiern…) voll(er) und laut(er) als ohnehin schon.

Aber ich berichte von Anfang an:

Freitag Früh, 7:30 Uhr. Wenn alles gut läuft, haben wir in 8 – 9 Stunden Fahrt unser Ziel erreicht. Es ist hier normal, für ein (verlängertes) Wochenende einen halben Tag im Auto zu verbringen, um sein Ziel zu erreichen, wir haben allerdings eine Übernachtung eingeplant. Wir hätten zwar auch fliegen können, aber wir wollen das Land kennenlernen, sehen, wie sich von Kilometer zu Kilometer, von Ort zu Ort die Landschaft verändert.
Wie üblich, läuft nicht alles so gut wie erhofft ;-) Barquisimeto, die viertgrösste Stadt Venezuelas, bietet am späten Vormittag chaotischen Stadtverkehr, so dass wir uns erstmal verfahren und eine gute Stunde verlieren. Sei’s drum, die Uhren gehen hier anders und es lohnt nicht, sich zu ärgern. Auch, dass wir ungefähr eineinhalb Stunden später feststellen, dass wir in Barquisimeto die Abfahrt auf die eigentlich geplante Route verpasst haben (dank der schlechten Beschilderung in der Stadt), bringt uns nicht mehr aus der Ruhe: Es führt noch eine andere Strecke nach Mérida, kein Problem.

Angekommen in Valera, der grössten Stadt des Bundesstaates Trujillo, wo wir übernachten wollten, macht sich erst einmal Enttäuschung breit. Wir sind zwar bereits in den Anden (wenngleich noch nicht sehr hoch), aber hier wollen wir auf keinen Fall bleiben. Nichts Schönes zu sehen, nichts, was zum Bleiben veranlassen könnte. Also beschliessen wir, weiterzufahren, entweder bis Mérida in einem “Rutsch” oder vorher noch eine nettere Übernachtungsmöglichkeit am Weg zu entdecken und dort zu bleiben. Es gibt eine Menge Posadas (vergleichbar mit deutschen Privatpensionen) in Venezuela, speziell in den Feriengebieten, da wird sich bestimmt etwas finden.

Weiter geht es, höher in die Anden hinauf – Valera liegt gerademal auf knapp über 1.000 m – und endlich stellt sich auch das Gefühl ein, in den Bergen zu sein. In La Puerta, dem Tor zu den Anden, und auf der Weiterfahrt von dort, gefällt es uns immer besser und wir geniessen die mehr und mehr spektakulären Blicke, je höher die Strasse führt und die klare, frische Luft, die wir aus Valencia und Morón nicht kennen.

Auf ungefähr 4.000 m Höhe, wir haben schon Wolken unter uns, halten wir an, um auszusteigen und ein Foto zu machen. Ich mache nur ein paar Schritte und merke, wie mir schwindelig wird, fast schon übel. Die Luft hier oben ist merklich dünner und wir setzen uns schnell wieder ins Auto, um weiterzufahren. Am späten Nachmittag kommen wir in Mucuchies, einem kleinen, nicht besonders schönen Ort, an. Aber – an der Hauptstrasse steht ein Hotel, das einen ordentlichen Eindruck macht und wir haben beide keine Lust mehr, die letzten 60 km zu fahren. Klingt nicht besonders weit, aber die kurvigen Bergstrassen verlängern die Fahrtzeit doch deutlich und es wird bereits dunkel. Also checken wir im Hotel ein, laufen ein bisschen durch den Ort und lassen uns abends in einem guten Restaurant die erste venezolanische Andenforelle (spanisch: Trucha, und typisch für diese Region), sehr lecker zubereitet mit Kräutern und Knoblauch, schmecken.

Früh am nächsten Morgen brechen wir auf, wir haben uns entschlossen, nicht im Hotel zu frühstücken. Es gibt zahlreiche Cafetins und kleine Restaurants an der Strasse, die ein typisch venezolanisches und damit sehr reichhaltiges Frühstück anbieten: Carne mechada (in Fasern gerupftes, mit Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Gewürzen gebratenes Rindfleisch) mit Caraotes negros (schwarze Bohnen) und geriebenem Käse. Dazu werden Arepas gereicht, kleine runde Maismehlfladen, die man eigentlich aufschneidet und mit Fleisch, Bohnen und Käse füllt und dann versucht, unfallfrei hineinzubeissen ;-) Wir mögen Arepas nicht besonders, also verzichten wir und widmen uns dem “Rest” und dem leckeren Kaffee, der – venezolanische Strassencafés machen sich keine grossen Umstände - in kleinen Plastikbechern serviert wird.

Nach dem Frühstück, das eine Mahlzeit für den ganzen Tag ist, fahren wir die letzten Kilometer bis Mérida durch, an dessen Stadtgrenze wieder mal heftig in verschiedene Richtungen gestikulierende Polizisten der Guardia Nacional stehen. Macht nichts, der Verkehr fliesst trotzdem, wenn auch langsam. Es ist eben Karnevalswochenende und wie in Deutschland bedeutet das, in Teilen des Landes wird auch am Montag und Dienstag nicht gearbeitet. Dementsprechend sind die Strassen des Zentrums voll, es wird allenthalben gehupt (aber nie unfreundlich ;-) und wir brauchen ein Weilchen, bis wir unsere Posada gefunden haben. Das Strassensystem hier ist in den meisten Städten denkbar einfach: Schachbrettmuster und die Strassen sind Einbahnstrassen, immer abwechselnd in der Richtung und durchnummeriert in alle Himmelsrichtungen.

Wir lassen unser Gepäck erst einmal im Auto, klingeln an der Pforte der Posada Casa Sol, die Tür wird per Knopfdruck von innen geöffnet und ohhhhh…
Die Posadabetreiberinnen sind Schweizerinnen und die den Schweizern eigene Ordnung und Gründlichkeit ist hier sehr sichtbar. Aber nicht nur das, hier hat jemand mit viel Liebe zum Detail und viel Phantasie ein Refugium geschaffen, das man inmitten des hektischen Stadtzentrums nicht erwartet hätte. Wir haben uns zwar vorher schon Bilder der Posada im Internet angeschaut, aber die Realität übertrifft alle Erwartungen. Die beiden Mädels am Empfang sind sehr nett, sprechen Englisch, sind aber auch geduldig mit unserem Spanisch, die Verständigung klappt einwandfrei. Tatsächlich haben einige Menschen hier in Mérida eine deutlichere, langsamere Aussprache als in Valencia, das macht es für uns etwas einfacher.

Unser Zimmer ist noch nicht ganz bezugsfertig, aber das macht nichts. Wir bekommen einen Kaffee gebracht, den wir in dem kleinen, sonnendurchfluteten Patio trinken und dann schauen wir uns erst einmal um. Terrazzoboden, Bilder an den Wänden, ein Bassin mit (lebender) Schildkröte, ein gemauertes Wasserbecken mit einer interessanten Metallinstallation, alles sehr einfallsreich und schön gestaltet. Ein gemütlicher Frühstücksbereich, an den sich ein kleiner Innenhof anschliesst, der von einem alten Avocadobaum beherrscht wird. Wir sind begeistert und der erste Eindruck von Mérida wird gerade wieder aufpoliert.

Nachdem wir unser Zimmer bezogen haben, ziehen wir los, um den besagten “geruhsamen Bummel durch den entzückenden Ort” zu machen. Na, Pustekuchen – es ist heiss, in den engen Strassen staut sich die Hitze und wie üblich ist es laut und voll. Ok, wir lassen uns davon nicht beeindrucken, zumal wir gerade ein Schild einer Posada entdecken, die auch Touren anbietet. Und: "Wir sprechen Englisch und Deutsch" steht auf dem Schild. Sehr praktisch, wir gehen rein, um uns einen Überblick über das Angebot zu verschaffen. Mérida gilt als das Aktivsportzentrum des Landes, da wird doch sicher auch für uns etwas dabei sein. Die junge Dame, die uns die Touren/Ausflüge erklärt, ist sehr nett und hilfsbereit. Aber danke, eine Tagestour im Bus mit einer kleinen Zwischendurchwanderung? Wir haben gerade einen ganzen Tag im Auto verbracht, das muss also nicht sein. Canoying? Hm, schon eher. Wandern und anschliessend Baden in heissen Quellen, eine nette Option, aber wir haben kein Badezeug dabei. Ein Tandem-Paraglidingflug?! Das wollte ich schon immer mal machen, wenn ich auch bei dem Gedanken, es jetzt wirklich in die Tat umzusetzen, arg Herzklopfen bekomme. Aber noch haben wir uns nicht entschieden, wir nehmen den Zettel mit den verschiedenen Möglichkeiten mit, schlendern noch ein bisschen durch die Strassen und finden ein kleines, vegetarisches Lokal, in dem auch frische Fruchtsäfte angeboten werden. Guayaba (das sind die schrumpeligen Dinger, die ich auf dem ersten Foto hier im Blog in der Hand halte) für mich, Parchita (Maracuja oder Passionsfrucht) für Uli. Lecker und sehr erfrischend. Wir besprechen noch mal die verschiedenen Möglichkeiten und stellen fest, dass wir durchaus alleine wandern können, heisse Quellen auch von Valencia aus gut erreichbar sind und die Bustour sowieso nicht infrage kommt. Also fällt die Entscheidung zugunsten des Paraglidingfluges und obwohl mir das Herz gerade noch mal in die Hose rutscht, will ich jetzt nicht mehr kneifen!
Also wieder zurück zur Posada und 2 Tandemflüge gebucht für den nächsten Nachmittag. Anschliessend, Aufregung macht hungrig, essen wir etwas (Forelle, na klar) und fahren dann mit dem Auto weiter in die Berge hinauf. Tipp von Katrin, die die Posada betreibt: Das El Valle, “Das Tal”, ist “nicht weit den Berg hinauf und da könnt’s ein bisschen laufen, das geht ganz gut da” hat sie gesagt. Wir fahren eine gute ¾ Stunde rauf, aber ausser ein paar Häusern rechts und links ist nichts zu sehen. Kein Parkplatz oder irgendein Hinweis darauf, dass hier ein Wanderweg beginnt.

Etwas entnervt drehen wir um und kehren noch in eines der Lokale ein, das etwas abseits der Strasse liegt. Kaffee und Pfirsiche (aus der Dose…) für Uli und ein Calentao für mich. Ein andines Heissgetränk mit vielen Kräutern, Honig und einem Schuss Alkohol, wärmt gut durch und schmeckt sehr lecker! Beruhigt ausserdem, mich jedenfalls, da meine Gedanken doch immer wieder zu dem bevorstehenden Flug abschweifen.

Aber davon in den nächsten Tagen mehr!

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