Mittwoch, 12. August 2009

Nachbarschaftsstreit

Es ist ein seltsames Gefühl, in einem Land zu leben, in dem der Präsident so ganz offen über einen möglichen Krieg mit dem Nachbarland spricht. Ich hätte erwartet, dass hier alle den Atem anhalten, alles (wenigstens für einen Augenblick) still steht, irgendeine sicht- und/oder fühlbare Reaktion der Menschen um uns herum. Gut, mag sein, dass sie untereinander eher darüber sprechen, als das sie uns Expats, Fremde, einbeziehen. Aber der Eindruck, der sich eher aufdrängt, ist der, dass alles seinen gewohnten Gang nimmt.

Also doch nur Säbelrasseln, Machtdemonstration von Chávez? So richtig konnten weder Kollege Guillermo noch Büromitbewohner Francisco mir eine Antwort darauf geben. Besorgt schienen sie beide, aber WIE ernst die Androhung von Chávez ist, Krieg gegen Kolumbien zu führen, zu nehmen ist, das vermögen sie nicht zu beurteilen. Dass sich im Falle des Falles aber auch die jetzt noch Venezuela wohlgesonneren Nachbarstaaten wie z. B. Ecuador und Bolivien zurückziehen werden, vermuten beide. Brasilien und Argentinien kochen sowieso mehr ihre eigene Suppe und sind zu gross, als dass sie sich nach Hugo richten müssten.

Bleibt abzuwarten, wie sich das Verhältnis Kolumbien (mit den USA im Rücken) und Venezuela (mit einem Präsidenten, der sich für den Befreier des südamerikanischen Kontinents und die USA nicht nur für den größten Drogenabnehmer sondern überhaupt für die schlechteste Nation von allen hält - was ihn nicht daran hindert, Geschäfte mit den Yanks zu machen) entwickelt.

Amüsiert hat mich der Bericht, den ich kürzlich in einer Zeitschrift gelesen habe: Ein deutscher Süßwarenhersteller will ein Werk in Venezuela aufmachen, von dem aus er die USA zu beliefern gedenkt. Auf die Frage des Journalisten, ob er denn keine Sorge hätte ob der Launenhaftigkeit des Präsidenten (und seines Verstaatlichungswahns), antwortete er, er habe Sicherheit durch eine staatliche Finanzierungsgarantie. Ein Paradoxon in diesem Land, die Sicherheit durch staatliche Garantien. Ich hoffe, die Erfahrung wird nicht allzu schmerzhaft für den Gummibärchenproduzenten (nein, es ist nicht Haribo!)

Mittwoch, 5. August 2009

last news

Heute Früh auf dem Weg zur Autopista sahen wir eine dicke schwarze Rauchsäule eben in dieser Richtung. Unsere Auffahrt war frei, die Bahn selbst in Richtung Morón auch - aber hinter uns und in Richtung Caracas lagen über beide Fahrbahnen brennende Reifen. Diesmal wahrscheinlich kein Protest aus den Barrios, sondern von Studenten, Jugendlichen, Reportern, Journalisten. Der Präsident hat 36 mehr oder minder regierungskritische Radio- und Fernsehsender verboten, weil die - angeblich - ohne Lizenz gesendet haben. Rund 200 Sender werden noch folgen, eine deutliche Demonstration seiner Willkür und leider auch seiner Macht.

Weiterhin hat er zwei der grössten Kaffeeröster des Landes "vorübergehend" verstaatlicht, weil die - auch wieder angeblich - heimliche Deals mit Kolumbien machen und der Preistreiberei verdächtigt werden.

Im grössten Hafen des Landes (in dem auch unser Baustellenmaterial ankommt) sind letzte Woche in zwei bis dahin noch privaten Lagerhäusern Drogen gefunden worden, was es dem Staat einfacher macht, sich auch diese Lagerhäuser zu schnappen. Der Hafen ist ab jetzt komplett verstaatlicht und der grösste Clou: Angeblich wird kurzerhand das Personal ausgetauscht. 3.000 Venezolaner gegen 3.000 Kubaner (weil billiger). DAMIT allerdings tut er sich nun gar keinen Gefallen. Gab er sich bis jetzt als Freund und Wohltäter des kleinen Mannes, geht er ihnen nun an die Kragen, sprich, an die Existenz. Noch ist es relativ ruhig, Protestaktionen wie die heute Früh sind noch nichts kritisches. Aber es brodelt unter der Oberfläche, das steht fest.

Anekdötchen: Am Montag war ich mit zwei Kollegen unterwegs, auf der Autobahn sahen wir einen Polizeiwagen (Pick up) mit zwei Beamten und einem Verhafteten auf der Ladefläche. Der war mit Handschellen an einer Halterung angekettet, daher leicht zu erkennen. Auf meine Frage, was denn cuffs/Handschellen auf Spanisch heisst, bekam ich zur Antwort "Esposas". Humor haben sie ja: Esposa bedeutet ins Deutsche übersetzt "Ehefrau" ;-)

Montag, 27. Juli 2009

LKW und andere Laster

Wir sind zwar gerade aus dem Österreich-Urlaub zurück, aber die Bilder, die ich für euch habe, sind hier aus Venezuela - zu kurios, um sie euch vorzuenthalten.

Zu den Preisangaben noch eine Info: Offizieller Wechselkurs Dollar zum Bolivares fuerte 1 : 2,15...
















Mittwoch, 8. Juli 2009

Sag mir, wie du heisst und ich sag dir,

woher du kommst! Ok, ganz so einfach ist es nicht, auch hier in Venezuela gibt es so ganz normale Namen wie Pedro, Francisco, Maria und Anna.

Aber die Venezolaner sind erfindungsreich und vor allem, sie sind nicht festgelegt auf “eindeutig als weiblich oder männlich zu erkennende Vornamen” wie bei uns in Deutschland. So werden von stolzen Eltern, um den Grosseltern eine Ehre zu erweisen, schon mal deren Vornamen zerpflückt, um aus den – wenigstens – halbwegs zueinanderpassenden Hälften einen neuen Namen zu kreieren. Unsere Kollegin Eulimir hat dieser “Bastelwut” ihren Namen zu verdanken. Oder die Cousine des Kollegen Eladio, sie heisst Jescarli. Na, wer kommt drauf? Richtig. Der Grossvater Jesus und die Grossmutter Caroline.

Ist doch ganz einfach, oder? Weitere Kreationen, die uns anfangs Schwierigkeiten, wenn nicht schon beim Aussprechen, dann spätestens beim Merken, gemacht haben: Ivarmen, Yuslenis, Viagnelis oder Egvilio. Ist man weniger kreativ, muss auch schon mal der Nachname eines Grosselternteils herhalten. Unsere Kollegin Eglee führt damit den Mädchennamen der Grossmutter weiter, so stirbt der Name wenigstens nicht aus.

Wer beim ersten Hören glaubt, einen schlichten Reiner gefunden zu haben, wird beim Schreiben eines Besseren belehrt. Rhayner heisst der Kollege hier und irgendwie klingt es auch ganz anders, wenn ein Venezolaner das ausspricht.

Und der könnte sicherlich, ohne dass es ihn zum Lachen reizt, die Platznachbarin auf Ulis erstem Flug hierher ansprechen: Die junge Dame hiess Backstreeboys (ohne T!) und ist somit unverkennbar ein Kind der 90er Jahre.

Einen besonderen Namen hat auch mein Lieblingskollege, wie ich kürzlich herausgefunden habe. Er heisst Guillermo, hat mir das ins Englische mit William übersetzt, ergo zu deutsch Wilhelm…oder auch Willi/y.

Kein Wunder, dass ich den Mann so gut leiden kann, nicht wahr, Papi? ;-)

Sonntag, 5. Juli 2009

Behördengang auf venezolanisch

Letzte Woche Donnerstag war ich in Caracas.
Für uns Expats wurden Arbeitsvisa beantragt sowie die Ausstellung einer Cedula, der venezolanischen ID. Wir haben einen Antrag ausgefüllt und unsere Pässe zu diesem Zweck einem „seriösen“ Herrn übergeben, der vor Ort die notwendigen Formalien erledigt bzw. vorbereitet hat, denn für die Ausstellung des Visums ist persönliches Erscheinen nicht notwendig, aber für die Cedula hat man bei der Behörde in Caracas vorstellig zu werden, sich fotografieren zu lassen und seine Unterschrift auf der ID in Gegenwart eines Bediensteten des Ministerium zu leisten. Im Grunde genommen nicht viel anders als die Ausstellung eines Personalausweises in Deutschland, mit nur ein paar kleinen Unterschieden in der Abwicklung...

Uli war, als die Anträge eingereicht wurden, gerade in Deutschland, somit sind seine Papiere noch nicht fertig und ich muss alleine in die Hauptstadt. Natürlich nicht ganz alleine! Einige Kollegen unserer Schwesterfirma, die aus Trinidad, Peru, Chile...stammen, müssen das gleiche Procedere durchlaufen und somit werde ich kurzerhand zu Pat (aus Trinidad) und dem venezolanischen Fahrer Louis gesetzt. Morgens um 5 Uhr starten wir in Valencia, treffen uns mit 15 Personen auf 4 Autos verteilt vor einer Farmatodo, die nahe der Autobahnauffahrt liegt. Um halb neun sind wir in Caracas mit dem „Vermittler“ verabredet, das könnte knapp werden. Es sind zwar nur 160 km, aber die letzten 60 führen durch den Berufsverkehr und der ist in Caracas ein Chaos. Louis fragt sich, wie wir es in dem Verkehrsgewühl der Stadt überhaupt schaffen sollen, uns nicht zu verlieren - und er ist der einzige, der sich in der Stadt auskennt und weiß, wo der Treffpunkt ist. Mich erleichtert es ungemein, dass ich in seinem Auto sitze ;-)

An der Peripherie der Stadt angekommen, staune ich wie immer über das Gewusel, die Blechlawinen und mache drei Kreuze, dass wir in Valencia und nicht Caracas wohnen! Diese Stadt mit ihren – offiziell – ca. 6 Millionen Einwohnern ist ein Moloch und Berlin mutet dagegen wie eine Kleinstadt an. Ich schaue auf die Barrios und frage mich wie jedes Mal, wie es möglich ist, dass Menschen dort leben oder besser, existieren können. Notdürftige zusammengeschusterte Behausungen aus Backsteinen, Wellblech, Holz und was eben gerade zu bekommen war. Eng nebeneinander, übereinander gebaut, hat man den „besten“ Blick kurz vor einem Tunnel, der sinnigerweise „El Paraiso“ (Das Paradies) heißt. Erstaunt es jemanden, dass die Menschen, die hier ihr Dasein fristen, den Versprechungen des Präsidenten Glauben schenken (wollen), dass er ihre Lage verbessert? Und dass die, die schon zu lange vergeblich darauf warten, zu Gewalt und Waffen greifen, um zu Geld oder Wertgegenständen zu kommen? Man sagt, wenn man einer dieser Banden in die Finger gerät, soll man ohne Gegenwehr rausgeben, was man hat und nur keine Heldentaten versuchen, da die Frustrationsgrenze dieser meist noch jungen Menschen sehr niedrig ist. Was Wunder...!



Wir fahren, immer noch im Convoi, im Stop-and-Go-Tempo weiter Richtung Zentrum, wo wir in der Nähe des Ministerio Público unseren Kontaktmann treffen wollen, der schon angerufen hat und ungeduldig auf uns wartet. Klar, wir haben uns durch den Verkehr verspätet, 3 Stunden rechnet man normalerweise für die Fahrt, 3,5 haben wir geplant und gebraucht haben wir heute 4,5 Stunden. Und ich habe, gelinde gesagt, gerade ziemlich die Schn**** voll von der Fahrerei. Louis telefoniert aufgeregt, wir halten mitten im Gewimmel in dritter Reihe und ein Minute später erscheint, ich nenn ihn mal Pedro, aus dem Nichts, steigt zu uns in den Wagen und lotst uns zu einem Parkplatz. Von dort aus geht es im Eilschritt zu einem kleinen Kopiergeschäft, dort müssen wir unsere Pässe kopieren, das Arbeitsvisum und unsere ID. Pedro erklärt zwar, warum, aber er spricht so schnell, noch dazu mit dem Dialekt der Caracenos, dass ich mal wieder kein Wort verstehe. Und eigentlich ist es mir im Moment sowieso egal, ich fühle mich trotz der großen Gruppe nicht besonders wohl, wie üblich habe ich die Aufmerksamkeit der Menschen, weil ich durch Größe, Haar- und Hautfarbe auffalle. Ich halte mich eng an Pat und Pedro, als es weitergeht zum Ministerio und schaue nicht nach rechts und links, bis wir den Innenhof des Ministeriums erreicht haben. Da bleibt mir allerdings erstmal der Mund offen stehen: Ungefähr 300 – 400 Menschen stehen in einer langen Schlange und warten darauf, dass sie ihren neuen Ausweis bekommen bzw. ihren Ausweis verlängern und was sonst noch so an Formalitäten hier erledigt werden kann. Es ist kurz nach zehn, die Behörde öffnet um acht und ich vermute, dass bereits um sechs in der Früh die ersten hier Stellung beziehen. Viele haben kleine Plastikhocker dabei und auch Schirme – der Hof ist nicht überdacht und es beginnt gerade zu tröpfeln. Ich freue mich über die kleine Erfrischung, lange hab ich allerdings nichts davon. Pedro lotst uns unter den überdachten Vorplatz des Gebäudes. Dieser Teil ist mit gelben Absperrband versehen, hier stehen zwei mal zwei Campingtische mit Stühlen, auf denen die Mitarbeiter des Ministeriums sitzen. Pedro hat unsere Passkopien an einen anderen Mann gegeben, der jetzt hinter einem der Tische verschwindet, auf einen der Beamten einredet und mit dem Papier wedelt. Schlußendlich wechseln wohl ein paar Scheine den Besitzer, ein Schulterklopfen und unsere Gruppe von 15 ist plötzlich eine eigene kleine Schlange an dem Stuhl vor dem weißen Hintergrund, wo die Fotos für die Cedula gemacht werden.

Von jetzt an geht es (relativ) zügig, wir werden geknipst, geben unsere Fingerabdrücke ab (soviel zum Thema Datenschutz...), warten wieder, bis der Name aufgerufen wird (meiner nicht, auf mich wird mit dem Finger gezeigt, Name zu schwierig auszusprechen) und unterschreiben bei einer schlecht gelaunten Mitarbeiterin des Ministerium, der das Eingeben der Daten und das Herüberreichen des Papiers zur Unterschrift unheimlich viel Mühe zu machen scheint. Wenn sie diese schwierige Aufgabe bewältigt hat, gibt sie das Blatt an den nächsten Kollegen, der die Cedula zurecht schneidet und dem letzten in der Reihe hinterm Tisch überreicht, der das jetzt auf 10 x 5 zurechtgestutzte Dokument laminiert und uns überreicht. Listo (fertig)! Ich bin jetzt Besitzerin einer venezolanischen ID, die neben meinem Namen, Geburtsdatum und –land meinen Familienstand, meinen Berufsstand, meinen Daumenabdruck und meine Unterschrift zeigt und zudem noch in Großbuchstaben mit dem Hinweis „EXTRANJERO“ versehen ist, was mich als Ausländer ausweist, was wiederum notwendig macht, dass ich diese Prozedur in 11 Monaten wiederholen muss, da wir ja noch eine Weile im Land bleiben. Ich freue mich schon heute auf den Ausflug in die Hauptstadt, die wir jetzt so schnell wie möglich wieder hinter uns lassen, alle geschafft von der Fahrt, der Hitze, der Warterei. Kurz hinter Caracas machen wir Halt an einer Art Autobahnraststätte und Pat und ich stoßen erst einmal mit einem Bier (light!) auf unsere neue „Identität“ an.

Ulis Papiere sind nun auch so weit und er fährt morgen.
Unsere Sekretärin Eglee hat mir angeboten, ihn zu begleiten, aber ehrlich? Ich gehe lieber arbeiten!

Sonntag, 21. Juni 2009

baby:shower und wer ist eigentlich Paul?

Nein, das ist keine spezielle Dusche für die Kleinsten. Und es regnet auch keine Babies ;-) Obwohl man das gerade fast denken könnte, in meinem direkten und näheren Umfeld: Kollegin Sandra hat eröffnet, dass sie uns in ca. 6 Monaten für eine Weile verlässt, Kollegin Eliana hat letzte Woche einen kleinen Enrique zur Welt gebracht und Maria hat sich vor 14 Tagen in den Mutterschutz verabschiedet. Und für sie werden wir nächstes oder übernächstes Wochenende „baby showern“.

Der Begriff und die Idee kommen, wie sollte es anders sein, aus den Estados Unidos, den Vereinigten Staaten. Ein paar Wochen vor der Geburt werden die Frauen aus dem Familien-, Freundes-, Kollegenkreis eingeladen, normalerweise nicht von der werdenden Mutter selbst, sondern von einer Freundin oder Verwandten. Die baldige Mama schreibt auf, was sie für das Baby noch benötigt oder sich wünscht und die Liste wird unter den Gästen verbreitet. Eingeladen werden übrigens üblicherweise nur Frauen! Höre ich da einen erleichterten Seufzer aus der Herrenwelt? ;-) Ich glaube, Männer haben wenig Sinn für diese Art von weiblichen Zusammenkünften (und Frauen wenig Lust, augenrollende Partner an ihrer Seite sitzen zu haben) und so hat Frau klugerweise von vornherein beschlossen – Väter und solche, die es werden wollen, bleiben draußen!

Ich bin schon sehr gespannt auf diesen Nachmittag, der wahrscheinlich üblich venezolanisch sehr laut und fröhlich, mit viel Gekicher und Geschwätz, verlaufen wird und werde auf jeden Fall anschließend darüber berichten!

Aber nicht nur hier ist Schnulleralarm, auch in Deutschland gibt es Nachwuchs zu begrüßen: Meine Cousine Melanie hat einen kleinen Matti geboren, herzlichen Glückwunsch und alles Gute für euch!

Und für alle, die sich immer schon gefragt haben, wer ist eigentlich Paul (sorry Tina, aber bei DER Vorlage kann man gar nicht anders!):



Das ist der neue Wecker meiner Großcousine Tina und ihres Mannes Thorsten – Paul, geboren am 04.06.2009. Bienvenidos und ich hoffe, ich hab im September Gelegenheit, dich kennen zu lernen!

Montag, 25. Mai 2009

Kaum zu glauben...

...ich bin bereits über 3 Wochen wieder hier - die Zeit vergeht wie im Flug! Fast kommt es mir so vor, als wäre ich gar nicht weg gewesen. Aber nur fast ;-)

Der Alltag hat mich schnell wieder eingeholt. "Buenos dias, Chama, como te va?" hat mein Kollege Guillermo mich am ersten Wiederarbeitstag begrüßt. Die Frage, wie es mir geht, konnte ich nur mit "Bien, muy bien" - gut, sehr gut - beantworten. Ich war zwar sehr müde, aber hatte die gute Zeit in Deutschland noch in Gedanken und war auch froh, wieder hier zu sein. Nach einer kleinen Viertelstunde Urlaubsbericht und Fragen beantworten zur Familie geht es ans Tagesgeschäft: Welche Schiffe sind eingetroffen, welches Material ist bereits vom Zoll abgefertigt, was schon auf der Baustelle angekommen? Was auf anderen Baustellen ganz einfach und unkompliziert abläuft, ist in Venezuela, wie könnte es anders sein, eine oft schleppende Angelegenheit, begleitet von vielen großen und kleinen Hürden.

Ein Schiff mit Containerfracht, das am Tag X im Hafen Puerto Cabello erwartet wird, ändert die Route, weil der venezolanische Hafen meldet, das kein Platz mehr ist, keine Cargo gelöscht werden kann. Also steuert das Schiff erstmal Cartagena, Kolumbien oder Point Lisas, Trinidad an und wird ungefähr eine Woche später als geplant in Venezuela eintreffen. Um das genau zu erfahren, müssen wir hinter der zuständigen Shipagency hertelefonieren, nur die kann uns sagen, ob das Schiff bereits im Hafen liegt und die Ladung gelöscht ist. Ist der Hafen immer noch zu voll, kann es vorkommen, dass das Schiff noch 2 Tage vor Anker liegt - eine weitere Verzögerung.

Nach dem Löschen der Ladung werden die Container per LKW in ein Warehouse gebracht, hier beginnt der Prozeß der Entzollung, der in die Zuständigkeit unseres Auftraggebers fällt. Leider, muss man manchmal sagen, denn es gibt Zeiten, da spielen für den halbstaatlichen Betrieb andere Dinge eine übergeordnete Rolle: Anfang des Jahres die Vorbereitung auf die "Enmienda" z. B., die Abstimmung darüber, ob Präsident Chavez demnächst unbegrenzt wiedergewählt werden darf. Da kamen die Angestellten morgens ins Büro, haben 1 Stunde lang vielleicht ein paar Mails gelesen und dann wurde politisch gearbeitet - Propaganda! Dass ein Bauprojekt dadurch in arge Terminverzüge geraten kann, weil nicht da ist, was gebraucht wird, ist dann Nebensache...

Im Idealfall dauert die Entzollung 10 Tage, der Kunde informiert uns rechtzeitig, wann wir den Transporteur mit den LKW schicken sollen, denn der Transport der Ware vom Hafen auf die Baustelle ist unsere Sache. Wenn wir die Spedition beauftragen, wird es wieder spannend, ob zum bestellten Zeitpunkt ausreichend LKW zur Verfügung stehen, für manchmal 6 oder 8 Container oder auch einige Dutzend Rohre verschiedenen Durchmessers, die sorgsam auf den LKW verstaut werden müssen.

Wenn alles reibungslos läuft, wird der LKW am Morgen in Puerto Cabello beladen und ist gegen Mittag auf der Baustelle. Hier wird die Fracht noch vor dem Abladen von meinem Kollegen Eladio inspiziert und fotografiert, für den Fall, dass es zu Transportschäden gekommen ist und wir einen Schaden melden müssen. Dann erst wird vom Personal unserer Lagerhäuser abgeladen und registriert und verstaut, ein Beleg ausgefüllt und eingescannt und bis zum Erhalt der Rechnung des Transporteurs ist diese Verschiffung erst einmal abgeschlossen.

Wie gesagt...Wenn alles reibungslos läuft und das ist hier selten der Fall. Neben bevorstehenden Volksabstimmungen, Wahlen oder überfüllten Häfen sind übereifrige Zollbeamte, nachlässige Zollagenten, unzuverlässige Transporteure oder korrupte Nationalgardisten einige von vielen kleinen Stolpersteinchen auf dem Weg der Fracht von Deutschland, China oder Amerika nach Venezuela.

Das macht es nicht immer einfach, klar, aber (für mich) auch interessant und spannend. Guillermo erklärt mir alles und berichtet gern von seinen Erfahrungen, die er in 35 Jahren im Beruf schon gemacht hat. Am Ende weist er auf sein schon recht ergrautes Haupthaar und sagt augenzwinkernd "Remember: This is not painted!"

Ich werde mir weiter die Haare färben! ;-)

Donnerstag, 30. April 2009

Home is

where your heart is, sagt man ja...

Und somit sage ich, ich bin wieder Zuhause!

Danke für zwei schöne Wochen an Mutz, Papi, Irmtraut, Burkhard, Mami, Tinchen, Anja, Heidi, Kikki, Tina, Volker (x 2), Konny, Peter, Norma, Pia, Hendrik & Band, Silvia, CK, Manolo, Steffi, Simone und alle, die ich vergessen habe, zu nennen.

Alle konnte ich nicht treffen, die Zeit war einfach zu knapp. Aber ich komm wieder und sooooooo lange dauert es gar nicht mehr bis dahin ;-)

Die Begrüssung im Büro war sehr herzlich, das Mail-Postfach sehr voll und die Müdigkeit heute Abend sehr gross...

In den nächsten Tagen wieder mehr!

Dienstag, 14. April 2009

Urlaub!

Bis zum 29. April verabschiede ich mich erst mal in den "Heimaturlaub"!

Ich freu mich schon sehr auf meine Familie, Freunde, viele Treffen, Mutz' 60. Geburtstag, Tinas -sag ich nicht wievielten-, Körnerbrot, ne Bratwurst, ausführliches Ratschen und Tratschen, Ausgehen, Bluesjam und Kammerkonzert...

Die Zeit wird viel zu kurz sein, das weiß ich jetzt schon!

Aber ganz ehrlich:
Ich freue mich auch schon ein bißchen darauf, wieder hierher zu kommen. Weil ich dann Uli nach drei ziemlich langen Wochen endlich wiedersehe (Zeit ist nicht immer gleich lang, aber wer wüsste das nicht? ;-)) und auch auf die Arbeit. Der Job ist toll, meine/unsere Kollegen sind klasse und ich bin gerne hier und auch ein wenig stolz, in diesem Projekt mitzuarbeiten.

Und ja, wenn ich zurück bin, schreibe ich endlich mal was zum Job, zu den Kollegen, zum Arbeitsalltag eben.

Versprochen!

Hasta pronto...

Freitag, 10. April 2009

Ich wünsche euch



...und dass sich das gute Wetter halten möge bis und solange ich in Deutschland bin! Also, esst schön alle eure Ostereier auf ;-)

Samstag, 4. April 2009

Geburtstag auf venezolanisch

Am Donnerstag hatte Uli Geburtstag, seinen xx. ;-)

Bevor wir morgens zur Arbeit gefahren sind, gab es ein kleines Geschenk von mir und im Büro folgte am Nachmittag das übliche Prozedere:

Die Personalleiterin, Viagnelis, bestellt eine Torte. Das Geburtstagskind hat natürlich üüüüüberhaupt keine Ahnung (ich bin extra noch mal von ihr zum Schweigen verdonnert worden!), dass es am Nachmittag Kuchen geben wird. Gegen viertel nach vier geht Viagnelis dann zu den Kollegen (wer gerade nicht da ist, hat Pech gehabt oder wird mit ein bisschen Glück von anderen informiert) und kündigt für halb fünf das Treffen im Besprechungsraum, oder, falls der besetzt ist, in der Küche an.

Gegen halb fünf trudeln nach und nach alle ein; es wird Cola und Limo ausgeschenkt und der Kuchen angeschnitten. Die Stücke legt man auf eine Serviette, die gibt’s in die Hand und fertig. Kein Besteck, keine Teller, das muss nur gespült werden und das macht unnötige Arbeit. Wir haben inzwischen gelernt, unfallfrei Torte „aus der Hand“ zu essen! Und gesungen wird, natürlich: Cumpleaño feliz, die spanische Version von Happy Birthday. Gesungen wird sowieso sehr viel, aus irgendeiner Ecke hört man eigentlich immer jemanden singen. Und sie können es irgendwie alle (Gottseidank!)
Um viertel vor fünf löst sich die Runde zügig auf, es ist schließlich Feierabend und alle wollen nach Hause.

Uli und ich haben abends noch einen venezolanischen Likör getrunken (Rum mit Passionsfrucht, sehr lecker) und werden heute gebührend nachfeiern: Es geht zum Essen auf die Terrasse des Interconti.

Nächste Woche freue ich mich ab Mittwoch über viel Post von euch; Uli fliegt nach Deutschland und ich bin erst am 16.04. dran ;-) Also, vertreibt mir die Zeit bis dahin – hier ist Semana Santa, die Heilige (Oster)Woche, ab Mittwoch Mittag bis einschließlich Sonntag hab ich Osterferien...



Von links nach rechts: Jairo, der EDV-Mann, Uli, das Geburtstagskind, Rosario, die Betriebsärztin, Eulimir, Ulis Assistentin und Sandra, die Assistentin unseres Procurement Managers (auch ein Uli, derzeit im Osterurlaub)

Sonntag, 29. März 2009

Schreibfaul

mag ich ja sein, untätig deswegen noch lange nicht:

Wir sind früh aufgestanden, waren bereits auf dem Casupo (dem kleinen Berg am Stadtrand) und ich hab gebacken - hier das Ergebnis:



Lecker, hm? Und das riecht so gut!

Eines davon ist für uns, eines werde ich morgen mit ins Büro nehmen und meinem Kollegen Guillermo schenken. Seine Frau ist gerade von ihrem eigentlich gemeinsamen Wohnort nach Valencia umgesiedelt, die beiden haben viel Stress gehabt in den letzten Wochen und zum Einzug verschenkt man doch Brot und Salz (gibt es dazu, klar), nicht wahr? ;-)

Samstag, 21. März 2009

Morgens um 7...

...ist die Welt noch in Ordnung! Jedenfalls am Samstag, denn um 7 wach zu werden, bedeutet am Samstag ausschlafen ;-)

Während der Woche klingelt der Wecker um fünf und wer mich kennt, weiss, das ist Quälerei! Aber nach der Dusche geht es und ich bin halbwegs ansprechbar. Wenn ich aus dem Bad komme (Stunden später...), hat Uli bereits Kaffee gemacht und unser Frühstück für's Büro verpackt. Beim Kaffee noch mal kurz ins Internet, nach E-Mails gucken und in "mein" Forum (im Büro haben wir seit Wochen kein Netz), dann zusammenpacken, die Tassen abspülen - ganz wichtig, denn wir sind hier ziemlich ameisengeplagt (und das im 9. Stock) und lassen nichts, was irgendwie mit Nahrung zu tun hat, offen stehen - und los geht's. Mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage, dort wartet meist schon unser Kollege, der ein Stockwerk über uns wohnt und mit dem wir uns im Moment das Auto teilen.

In der Früh fahre ich die 52 km bis Morón. Die ersten Wochen hab ich mich nicht getraut, aber irgendwann hab ich mir gedacht, ok, mach es einfach. Morgens ist der Verkehr noch nicht ganz so chaotisch wie am Nachmittag, scheinbar hören zwar alle zur gleichen Zeit auf, fangen aber nicht gleichzeitig an ;-) Vor der Peaje, der Mautstation, staut es sich allerdings immer. Völlig überflüssig, diese Einrichtung, die meisten sind inzwischen bereits stillgelegt. Aber auf unserer Strecke ist viel LKW-Verkehr unterwegs, die Autopista führt nach Puerto Cabello, dem wichtigsten Hafen des Landes und in den Industriegürtel, in dem sich unsere Baustelle und gleichfalls das alte, noch laufende Werk unseres Auftraggebers befindet. Wegen des hohen Verkehrsaufkommens mag es hier also noch lohnend sein, wir rätseln jeden Tag aufs Neue. Gerade diese Woche ist es sehr amüsant: In Richtung Valencia/Caracas stehen vor der Peaje 2 LKW mit grossen Bohrköpfen, wie sie für den Tunnelbau verwendet werden. Der Durchmesser LKW + Bohrkopf ist > Durchfahrt Peaje und wir sind gespannt, wie lange die Fracht dort stehen wird und hoffen, dass wir mitbekommen, wie das Ganze aufgelöst wird...

Nach der Peaje geht es auf die Autopista, die in 70er Jahren gebaut wurde und deren Belag immer nur fleckenweise erneuert wird. Die rechte Spur, auf der die LKW fahren, ist mehr eine Buckelpiste mit vielen Schlaglöchern; man fährt hier am besten so, wie es in Deutschland verpönt ist: Stur linke Spur! Und wenn man überholt, dann eben rechts, das ist völlig normal. Die Fahrt verläuft ereignislos, nur in El Palito ist es immer noch mal spannend. El Palito ist ein ca. 1,5 km langer Strassenzug, gehört zwar eigentlich zu Puerto Cabello, liegt aber einige Kilometer vor der Stadt. Nur eine Durchgangsstrasse, aber rechts und links ein Gewusel von Bistros, Restaurant, Coco-frio- und Empanadaständen und donnerstags und freitags am Nachmittag frischer Fisch. Doch, der ist frisch, so schön, wie er da in der warmen Nachmittagssonne glänzt, ganz bestimmt ;-)))
Aber jetzt ist es noch früh am Morgen und viele der Truckfahrer und andere Berufstätige halten an den Empanadaständen, um sich mit einem (ziemlich fettigen) Frühstück zu versorgen.

Das Besondere an El Palito: Die Strasse ist in jede Richtung 2spurig und dann gibt es noch eine Mittelspur. Die wiederum ist am Morgen nur in Richtung Norden und am Abend in Richtung Süden zu befahren. Bzw. gilt diese Regelung - ungefähr - ab Mittag. Wenn man dann falsch herum unterwegs ist, muss man eben den Rückwärtsgang einlegen und Platz machen! Das Einfädeln am Ende der Spur zurück auf die reguläre Fahrbahn hat immer ohne Probleme geklappt, bis ein schlauer Mensch eine Schranke aufgestellt hat. Die hat die Autofahrer in den Gegenverkehr gezwungen, dann musste man einen kleinen Schlenker machen und hinter der Schranke darauf hoffen, dass man a) gesehen und b) zügig wieder reingelassen wird. Der morgendliche Verkehr, ohnehin schon zähfliessend in El Palito, wurde durch diese Neuerung erst richtig ins Stocken gebracht. Ziemlich beschränkte Idee und dem Himmel sei Dank, hatte letzte Woche endlich jemand ein Einsehen. Wir konnten beobachten, dass die Schranke mit Hilfe eines Schneidbrenners fein säuberlich zerlegt wurde und alles läuft wieder so wie vorher.

Kurz vor der Baustelle gibt es noch ein weiteres Nadelöhr, eine Brücke, über die der Verkehr einspurig geleitet wird. Ist man nur einige Minuten später als sonst, kann es passieren, dass man rund 20 Minuten braucht, um über die Brücke und wieder auf die 2spurige Fahrbahn zu kommen. Interessant ist, wenn sich die 2 Spuren zu einer verjüngen: Am besten fährt man langsam weiter, nur nicht ausweichen, dann wird man garantiert beiseite gedrängt. Alles nicht mit böser Absicht, nur frei nach dem Motto "Wer zuerst kommt,..."
Dann haben wir die Einfahrt zur Baustelle erreicht. Rechts abbiegen von der Strasse über den kleinen Platz vor dem Bauzaun. Im Moment staubt es hier ordentlich, dieses Stück ist nicht geteert oder wenigstens mit Kies aufgefüllt, nur der Sandboden. Der Ausbau lässt auf sich warten, Sache des Auftraggebers, der es damit nicht eilig hat. Sollte er bis zur Regenzeit nicht fertig sein, wird es es eine lustige Schlammschlacht mit den dann ca. 1.500 Fahrzeugen, PKW und LKW, die darüber fahren ;-)

Durch das offene Tor, vorbei an den Wachposten. Die Autos der Mitarbeiter auf der Baustelle sind mit einem Schild gekennzeichnet, alle anderen werden erst einmal kontrolliert. Uns kennt man sowieso schon, wir werden freundlich gegrüsst. Während wir die letzten paar Hundert Meter fahren, können wir sehen, wie die Baustelle wächst. In der "Laydown Area" liegt immer mehr Material, blanke Edelstahlrohre, aber auch schon sehr rostige aus Schwarzstahl, das dem Klima hier, dem hohen Salzgehalt in der feuchten Seeluft nicht standhält. Verbaut werden sie trotzdem, einmal sandgestrahlt, sehen sie wieder aus wie neu ;-) Neue Gerüste sind zu sehen, Wände wachsen stetig, Kräne haben jeden Tag eine neue Position.

Wir haben das einstöckige Bürogebäude erreicht, ich parke das Auto wie vorgeschrieben rückwärts ein. Sollte es, aus welchen Gründen auch immer, einmal passieren, dass wir die Baustelle schnell verlassen müssen, muss das Auto bereits in Fahrtrichtung stehen, um keine Zeit zu verlieren. Ammoniakalarm könnte ein Grund sein, wenn unser Auftraggeber gegenüber seinen Tank auswäscht und das Abwasser durch den offenen Kanal an unserem Büro vorbei ins Meer leitet. Die ekligen, brechreizerregenden Dämpfe machen das Atmen unmöglich. Einmal ist das bisher vorgekommen, seit wir hier sind. Das war gleich in der Früh und wir sind gar nicht erst aus dem Auto gestiegen...

Heute ist aber nichts weiter zu riechen als die salzige Seeluft und wir nehmen unsere Laptop-Taschen aus dem Kofferraum, ein paar Stufen zur Eingangstür, ein "Buenas Dias" für das auch hier präsente Wachpersonal und wir betreten das Büro.

So - nun wollte ich eigentlich über einen Arbeitstag berichten und bin doch gerade erst im Büro angekommen ;-) Also, demnächst mehr und dann mit Fotos, die ich sowieso noch nicht gemacht habe...Hier schon mal eins zum neugierig machen:

Sonntag, 15. März 2009

Mérida (2)

Nachdem wir am Samstag zurück in der Posada sind und Katrin noch einmal nach dem “richtigen Weg” bzw. der genauen Dauer der Wegstrecke gefragt haben (wir hätten noch 15, 20 min weiter fahren müssen..), beschliessen wir, am Sonntag früh aufzustehen, vormittags ein bisschen im El Valle zu wandern und am Nachmittag den Paraglidingflug zu machen. So weit, so mal wieder nicht Venezuela und seine (Un)sitten und Gebräuche einkalkuliert: Wie schon erwähnt, es ist das Karnevalswochenende und das bedeutet Fiesta! Und Fiesta bedeutet Musik und die hört man natürlich laut. An Schlaf ist nicht zu denken, und nachdem auf meinem Nachtschrank noch eine Kakerlake auftaucht, sind wir beide gründlich bedient. Gegen 4 Uhr wird es doch endlich ruhiger, aber wie geplant noch vor 7 Uhr aufzustehen, schaffen wir nach der Nacht beide nicht. Ich hätte grosse Lust, wieder zurück zu fahren, bin dann aber nach der Dusche – Regenwaldfeeling unter einem grooooossen Brausekopf – wieder etwas besänftigt und halbwegs wach.

Wir gehen in das Frühstückszimmer und werden sehr nett begrüsst von Katrin und der Küchenfee. Eine solche ist sie wirklich, denn das Frühstück, das sie uns auf den Tisch zaubert, lässt endgültig die nervige Nacht und den unliebsamen Besuch auf dem Nachtschrank vergessen. Duftender Kaffee, frisch gepresster Saft, Aufschnitt und Käse hübsch angerichtet auf einem Teller, leckere Marmelade und die regionalen/venezolanischen Spezialitäten: Arepas, die hier in den Anden aus Weizenvollkornmehl gemacht werden und viel besser schmecken, Natilla, eine Creme ähnlich Crème fraiche und Perico, ab sofort unsere erklärte Lieblingsvariante von Rührei: Mit reichlich Tomatenstückchen und Zwiebel darin. Zum “Nachtisch” gibt es noch einen Obstteller mit Papaya, Melone, Ananas und – die einzige kleine Enttäuschung für mich – Banane nebst Bananenbrot. Aber Uli ist grosszügig und überlässt mir seine Melone im Tausch gegen meine Banane…

Jetzt vollends mit dem Tag versöhnt, fahren wir Richtung El Valle. Die Sonne scheint, aber es ist hier oben noch nicht zu warm, zumal hier immer ein leichter Wind weht. Ausser uns sind noch ein paar kleinere Gruppen unterwegs, wandernd wie wir oder, wie zumindest eine kleine Truppe ganz offensichtlich, nach der letzten Karnevalsnacht noch gar nicht zu Hause oder im Hotel gewesen…Deren Feier dauert noch an, mit Musik, na klar. Was uns daran und überhaupt gefällt: Die Venezolaner hören fast ausschliesslich Latinomusik. Salsa, Reggae, Reggaeton, in jedem Fall spanischsprachig. Sicher läuft auch hier die amerikanische/englische Top 40 im Radio und auf den Musiksendern (ich hab sogar im Supermarkt mal die Sportfreunde Stiller aus dem Lautsprecher dudeln hören – da war ich platt!). Aber die eigene Musik überwiegt und das ist auch gut so. Naja, jedenfalls so lange die Lautstärke halbwegs erträglich ist und einem nicht den Schlaf raubt ;-)

Nach ungefähr 2 Stunden treten wir den Rückweg an, wir wollen zeitig wieder in Mérida sein, noch etwas verschnaufen und dann zum Treffpunkt mit unserem Flight-Guide. Inzwischen ist deutlich mehr los auf dem früh noch recht ruhigen Wanderweg, Touristengruppen auf Maultieren, noch mehr Musik und rechts am Weg zig Stände mit allem, was man mehr oder weniger als andine Kunst anbieten kann, von Ponchos, zu Aschenbechern oder sonstigen Behältnissen gehämmerten Blechbüchsen (der Hersteller derselben sieht ziemlich amerikanisch/europäisch aus) über Schuhen (naja, eher Latschen) und Schmuck, Schmuck, Schmuck. Ich hab auch was gekauft, aber mehr verrate ich nicht, kann ich hier nicht ;-)

Kurze Aufregung noch, weil unser Auto eingeparkt ist. SO venezolanisch denken wir noch nicht, dass wir – eine Verabredung im Kopf – gelassen bleiben, wenn wir nicht vom Fleck kommen! Aber kein Grund zur Sorge, der Fahrer des anderen Wagens hat uns schnell entdeckt und lässt uns “frei”. Wieder in Mérida, halten wir uns nur noch kurz in der Posada auf. Hunger haben wir beide nicht, wobei bei mir nicht allein das üppige Frühstück verantwortlich ist, sondern sich vielmehr Aufregung breit macht. Eigentlich hab ich ab 1,50 m über dem Boden eine Heidenangst (ausser im Flugzeug) und heute Nachmittag will ich, nur an ein paar an einem hauchdünnen Stück Stoff befestigten Strippen hängend, rund 1.000 Höhenmeter überwinden. Ich erkläre mich selbst für verrückt, aber kneifen gilt nicht, das wäre mir jetzt zu blöd.

Wir sind etwas zu früh, aber unser Guide ist bereits da, es kann gleich losgehen. Miguel ist witzig, redselig und fliegt schon seit über 20 Jahren. Gut, dann versteht er sein Geschäft und mir wird etwas wohler. Bilde ich mir ein, denn Uli grinst mich an, weil ich gedankenversunken seine Hand ziemlich fest drücke. Doch nervöser, als ich zugeben will, aber er gesteht mir, dass er auch ein bisschen aufgeregt ist. Uli hat zwar schon einen Flug hinter sich (sogar allein), aber das ist einige Jahre her und es waren “nur” 50 m. Das hier ist doch spannender. Und vor allem höher! Aber erstmal geht es runter, aus dem Zentrum von Mérida raus. Mit uns fährt noch ein Junge von ca. 14 Jahren, ebenso nervös wie ich, er tut nur cooler. Unterwegs sammeln wir Pablo ein, ein weiterer Flight-Guide, der sich im Augenblick noch wortkarg hinter seiner Sonnenbrille versteckt. Miguel redet umso mehr, alles verstehen wir allerdings nicht, was nicht nur an unseren mangelnden Spanischkenntnissen sondern auch an seinem manchmal schwer verständlichen Englisch liegt. Dass wir, bevor wir zum Abflugort fahren, noch einen anderen Treffpunkt ansteuern, an dem wir das Equipment einsammeln und andere Paraglider treffen, verstehen wir aber.

Allein hätten wir diese beiden Strassenzüge abseits der Hauptstrasse sicher nicht angesteuert. Und trotz der Anwesenheit von Miguel und Pablo ist uns nicht so wohl zumute, zumal die beiden ziemlich plötzlich erstmal verschwunden sind. Während Uli allein durchaus als Venezolaner durchgehen würde (meine Friseurin war ganz erstaunt, als ich ihr sagte, er wäre ein Aleman wie ich), hat er mit mir an seiner Seite schlechte Karten. Unvenezolanischer geht es kaum und ich habe eigentlich überall, wo wir hingehen, erst einmal die Aufmerksamkeit aller. In diesem Fall leider auch die eines deutlich Betrunkenen, der am hellichten Nachmittag mit einer fast geleerten Flasche unterwegs billigen Whiskeys ist und uns anquatscht. Fällt es uns sowieso oft schwer, die schnell sprechenden Venezolaner und ihre Dialekte zu verstehen, haben wir bei einem lallendem Betrunkenen schon gar keine Chance. Abgesehen davon auch kein Interesse! Pablo taucht wieder auf und redet auf den Burschen ein, der wankend verschwindet. Geld wollte er, für ein Bier, erklärt Pablo und sagt uns, dass es viele, sehr viele Alkoholiker im Land gibt, speziell in den unteren Schichten. Sicher, Chavéz vom Grundgedanken her gut gemeinte “Misiones” haben (und werden) nicht alle im Land erreicht, dafür sorgt schon die allgegenwärtige Korruption (die eigentlich auch mit Hilfe der Misiones bekämpft werden sollte…).

Wir werden langsam nervös, der Aufenthalt hier dauert schon viel zu lang und es wird immer später. Nicht, dass es am Ende schon zu dunkel sein wird um zu starten?! Aber Miguel beruhigt uns, alles kein Problem. Gleich geht es los, wir mussten nur warten, bis der Wind sich beruhigt, der ist ziemlich stark heute Nachmittag. Und dann geht es endlich los! Zu uns ins Auto hat sich noch ein Mann unbestimmten Alters gesellt, er könnte 70 sein, aber auch schon 85. Er wird nachher, wenn wir mit dem Gleitschirm runterfliegen, das Auto zu unserem Landepunkt bringen. Aber jetzt fahren wir erst einmal hinauf! Allein der Weg nach oben sorgt bei mir schon für jede Menge Adrenalin. Die Strasse ist schmal, unser Geländewagen recht breit, wir haben einigen Gegenverkehr und Miguel fährt…na eben venezolanisch ;-) Aber wir kommen heil oben an und ich hab Zeit, richtig nervös zu werden: Es sind viele Leute hier, viele mit Gleitschirmen und Miguel erklärt uns, dass die Gruppe, deren Flieger wieder hier auf dem Plateau landen und nicht wie wir nach unten fliegen, vor uns starten werden. Miguel wird mit dem Jungen fliegen, Pablo mit mir und Ulis Guide wartet schon hier oben. Wir haben immer noch eine gute ¾ Stunde Wartezeit vor uns und können den anderen ganz genau beim Starten zusehen…

Aber vor den Paraglidern starten 2 Drachenflieger und mir wird ziemlich mulmig zumute, als ich die beiden nacheinander auf den Abhang zulaufen und 1 Sekunde später in der Luft schweben sehe. Die beiden sind Profis und es macht richtig Spass, ihnen beim Fliegen zuzusehen.
Jetzt bereiten sich die ersten Gleitschirmflieger vor. Schirme werden ausgebreitet, Helme verteilt und merkwürdige, sitzsackähnliche Gebilde umgeschnallt. Uli macht eifrig Fotos, vom “Ankleiden”, Anschnüren von Guide und Mitflieger und den ersten Starts. Dann ist es soweit, jedenfalls für ihn. Sein Guide ruft ihn, schnell noch die Kamera ins Auto und er wird präpariert für den Flug. Während ich noch zusehe, winkt Pablo nach mir, es wird ernst. Vorerst setzt er mir aber nur den Helm auf den Kopf und gurtet mir den merkwürdigen Sitzsack um. So ausstaffiert, hab ich noch Zeit, Ulis Start zu beobachten und ich muss sagen, ich hab ganz schön Herzklopfen, als ich ihn in die Lüfte abheben sehe. Hoffentlich geht alles gut! denke ich noch und da gibt Pablo mir auch schon ein Zeichen, jetzt bin ich an der Reihe…Fest an meinen Guide geschnallt, der wiederum mit den zig Schnüren des Schirms, die nach unten zusammenlaufen, verbunden ist, warte ich auf den Moment des Abhebens. Wir müssen nicht den Hang runterlaufen (das war meine grösste Sorge) und ins “Nichts” springen; der Wind ist stark genug, uns direkt nach oben zu tragen. Nur die Richtung muss stimmen und das tut sie gerade scheinbar nicht. 3 weitere Guides helfen Pablo, den ausgebreiteten Schirm, an dem der Wind zerrt, zu bändigen. Einen Moment lang denke ich, ok, halt, ich will nicht mehr. Aber kaum zu Ende gedacht, reisst es mich von den Füssen und es geht aufwärts. “Sientate” (setz dich), ruft Pablo gegen Wind und ich versuche, mich mit so wenig Bewegung wie möglich in dem Sitzsack zu positionieren.

Dann hole ich tief Luft und schaue mich um. Und – nach unten! Unglaublich, wie hoch über dem Plateau wir nach ein paar Sekunden schon schweben. Und unglaublich, wie still es hier oben ist, abgesehen vom Rauschen des Windes. Ich bin noch nicht sicher, ob ich Angst habe oder einfach geniesse, entscheide mich aber für Letzteres und lasse mich ganz auf das Schweben ein. Wunderschön ist das und ich höre zwar Pablos Erklärungen, was in dieser oder jener Himmelsrichtung zu sehen ist, aber es kommt nicht so richtig bei mir an. Zu gefangen bin ich in dem Gefühl von Schwerelosigkeit, das ich am liebsten noch stundenlang erleben möchte. Nur 2 Dinge halten mich davon ab: Der Flug ist begrenzt auf 30 bis 40 Minuten. Und mein Magen, der inzwischen scheinbar mitbekommen hat, dass alles etwas anders ist, meldet leisen Protest an. Eine Weile kann ich das noch ignorieren, die Sicht, die Eindrücke und Pablos Stimme lenken mich ab. Aber dann muss ich mich schweren Herzens entscheiden und bitte Pablo, jetzt langsam unseren Landeplatz anzusteuern. Uli hat bereits wieder festen Boden unter den Füssen und beobachtet unseren Landeanflug. Kurz vor der Landung muss ich “aufstehen” und als meine Füsse den Boden berühren, muss ich laufen. Ein paar Schritte nur, aber es fühlt sich merkwürdig an und ich bin froh, dass Ulis Guide mir entgegenkommt und mich auffängt. Er und Pablo nehmen mir Helm und Sitzsack ab und ich stolpere zu Uli, der ganz entspannt auf dem Boden sitzt. Mit zitternden Knien setze ich mich neben ihn und auf seine Frage “Und, wie war’s?” öffnen sich die Schleusen…Ich bin völlig überwältigt und die Tränen laufen mir übers Gesicht. Es dauert eine Weile, bis ich mich wieder beruhigt habe, die Nervosität vor dem Flug, das Gefühl währenddessen – das hat mich ziemlich mitgenommen. Uli ist zwar nicht weniger begeistert als ich, aber trotzdem gelassener. Wir entscheiden uns, nicht mit dem Auto zu dem Treffpunkt zurückzufahren, sondern zu laufen – wir sind nur ein paar Hundert Meter von den 2 kleinen Strassen entfernt, in denen wir uns schon vor dem Flug aufgehalten haben. Hier gibt es noch ein Getränk, ein paar Worte werden gewechselt und dann geht es zurück nach Mérida. Gegen halb Neun sind wir wieder in unserer Posada, erschöpft, aber sehr zufrieden mit dem Tag. Hunger habe ich überhaupt keinen, Uli geht es nicht anders.

Also entscheiden wir uns für frühes Aufstehen und gehen schlafen. Nach dem Tag fallen uns beiden schnell die Augen zu und in meinem Traum fliege ich noch einmal…

Sonntag, 8. März 2009

Die Anden: Mérida (1)

Zitat: “Mérida ist ein entzückender Ort, der zu einem geruhsamen Bummel einlädt.” Zitat Ende

So steht es in unserem Reiseführer zu lesen und dieser Satz hat sich in meinem Kopf festgesetzt und entsprechende Erwartungen an das Zentrum der Andenregion geprägt. Ein Bild bergdörflicher Idylle hab ich mir ausgemalt und mich entsprechend drauf gefreut, nur 2 Dinge habe ich dabei übersehen: Mérida hat rd. 310 000 Einwohner und es ist eben auch Venezuela. Noch dazu zu Karneval (obwohl uns jeder sagte, alle Welt würde an die Küste feiern…) voll(er) und laut(er) als ohnehin schon.

Aber ich berichte von Anfang an:

Freitag Früh, 7:30 Uhr. Wenn alles gut läuft, haben wir in 8 – 9 Stunden Fahrt unser Ziel erreicht. Es ist hier normal, für ein (verlängertes) Wochenende einen halben Tag im Auto zu verbringen, um sein Ziel zu erreichen, wir haben allerdings eine Übernachtung eingeplant. Wir hätten zwar auch fliegen können, aber wir wollen das Land kennenlernen, sehen, wie sich von Kilometer zu Kilometer, von Ort zu Ort die Landschaft verändert.
Wie üblich, läuft nicht alles so gut wie erhofft ;-) Barquisimeto, die viertgrösste Stadt Venezuelas, bietet am späten Vormittag chaotischen Stadtverkehr, so dass wir uns erstmal verfahren und eine gute Stunde verlieren. Sei’s drum, die Uhren gehen hier anders und es lohnt nicht, sich zu ärgern. Auch, dass wir ungefähr eineinhalb Stunden später feststellen, dass wir in Barquisimeto die Abfahrt auf die eigentlich geplante Route verpasst haben (dank der schlechten Beschilderung in der Stadt), bringt uns nicht mehr aus der Ruhe: Es führt noch eine andere Strecke nach Mérida, kein Problem.

Angekommen in Valera, der grössten Stadt des Bundesstaates Trujillo, wo wir übernachten wollten, macht sich erst einmal Enttäuschung breit. Wir sind zwar bereits in den Anden (wenngleich noch nicht sehr hoch), aber hier wollen wir auf keinen Fall bleiben. Nichts Schönes zu sehen, nichts, was zum Bleiben veranlassen könnte. Also beschliessen wir, weiterzufahren, entweder bis Mérida in einem “Rutsch” oder vorher noch eine nettere Übernachtungsmöglichkeit am Weg zu entdecken und dort zu bleiben. Es gibt eine Menge Posadas (vergleichbar mit deutschen Privatpensionen) in Venezuela, speziell in den Feriengebieten, da wird sich bestimmt etwas finden.

Weiter geht es, höher in die Anden hinauf – Valera liegt gerademal auf knapp über 1.000 m – und endlich stellt sich auch das Gefühl ein, in den Bergen zu sein. In La Puerta, dem Tor zu den Anden, und auf der Weiterfahrt von dort, gefällt es uns immer besser und wir geniessen die mehr und mehr spektakulären Blicke, je höher die Strasse führt und die klare, frische Luft, die wir aus Valencia und Morón nicht kennen.

Auf ungefähr 4.000 m Höhe, wir haben schon Wolken unter uns, halten wir an, um auszusteigen und ein Foto zu machen. Ich mache nur ein paar Schritte und merke, wie mir schwindelig wird, fast schon übel. Die Luft hier oben ist merklich dünner und wir setzen uns schnell wieder ins Auto, um weiterzufahren. Am späten Nachmittag kommen wir in Mucuchies, einem kleinen, nicht besonders schönen Ort, an. Aber – an der Hauptstrasse steht ein Hotel, das einen ordentlichen Eindruck macht und wir haben beide keine Lust mehr, die letzten 60 km zu fahren. Klingt nicht besonders weit, aber die kurvigen Bergstrassen verlängern die Fahrtzeit doch deutlich und es wird bereits dunkel. Also checken wir im Hotel ein, laufen ein bisschen durch den Ort und lassen uns abends in einem guten Restaurant die erste venezolanische Andenforelle (spanisch: Trucha, und typisch für diese Region), sehr lecker zubereitet mit Kräutern und Knoblauch, schmecken.

Früh am nächsten Morgen brechen wir auf, wir haben uns entschlossen, nicht im Hotel zu frühstücken. Es gibt zahlreiche Cafetins und kleine Restaurants an der Strasse, die ein typisch venezolanisches und damit sehr reichhaltiges Frühstück anbieten: Carne mechada (in Fasern gerupftes, mit Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Gewürzen gebratenes Rindfleisch) mit Caraotes negros (schwarze Bohnen) und geriebenem Käse. Dazu werden Arepas gereicht, kleine runde Maismehlfladen, die man eigentlich aufschneidet und mit Fleisch, Bohnen und Käse füllt und dann versucht, unfallfrei hineinzubeissen ;-) Wir mögen Arepas nicht besonders, also verzichten wir und widmen uns dem “Rest” und dem leckeren Kaffee, der – venezolanische Strassencafés machen sich keine grossen Umstände - in kleinen Plastikbechern serviert wird.

Nach dem Frühstück, das eine Mahlzeit für den ganzen Tag ist, fahren wir die letzten Kilometer bis Mérida durch, an dessen Stadtgrenze wieder mal heftig in verschiedene Richtungen gestikulierende Polizisten der Guardia Nacional stehen. Macht nichts, der Verkehr fliesst trotzdem, wenn auch langsam. Es ist eben Karnevalswochenende und wie in Deutschland bedeutet das, in Teilen des Landes wird auch am Montag und Dienstag nicht gearbeitet. Dementsprechend sind die Strassen des Zentrums voll, es wird allenthalben gehupt (aber nie unfreundlich ;-) und wir brauchen ein Weilchen, bis wir unsere Posada gefunden haben. Das Strassensystem hier ist in den meisten Städten denkbar einfach: Schachbrettmuster und die Strassen sind Einbahnstrassen, immer abwechselnd in der Richtung und durchnummeriert in alle Himmelsrichtungen.

Wir lassen unser Gepäck erst einmal im Auto, klingeln an der Pforte der Posada Casa Sol, die Tür wird per Knopfdruck von innen geöffnet und ohhhhh…
Die Posadabetreiberinnen sind Schweizerinnen und die den Schweizern eigene Ordnung und Gründlichkeit ist hier sehr sichtbar. Aber nicht nur das, hier hat jemand mit viel Liebe zum Detail und viel Phantasie ein Refugium geschaffen, das man inmitten des hektischen Stadtzentrums nicht erwartet hätte. Wir haben uns zwar vorher schon Bilder der Posada im Internet angeschaut, aber die Realität übertrifft alle Erwartungen. Die beiden Mädels am Empfang sind sehr nett, sprechen Englisch, sind aber auch geduldig mit unserem Spanisch, die Verständigung klappt einwandfrei. Tatsächlich haben einige Menschen hier in Mérida eine deutlichere, langsamere Aussprache als in Valencia, das macht es für uns etwas einfacher.

Unser Zimmer ist noch nicht ganz bezugsfertig, aber das macht nichts. Wir bekommen einen Kaffee gebracht, den wir in dem kleinen, sonnendurchfluteten Patio trinken und dann schauen wir uns erst einmal um. Terrazzoboden, Bilder an den Wänden, ein Bassin mit (lebender) Schildkröte, ein gemauertes Wasserbecken mit einer interessanten Metallinstallation, alles sehr einfallsreich und schön gestaltet. Ein gemütlicher Frühstücksbereich, an den sich ein kleiner Innenhof anschliesst, der von einem alten Avocadobaum beherrscht wird. Wir sind begeistert und der erste Eindruck von Mérida wird gerade wieder aufpoliert.

Nachdem wir unser Zimmer bezogen haben, ziehen wir los, um den besagten “geruhsamen Bummel durch den entzückenden Ort” zu machen. Na, Pustekuchen – es ist heiss, in den engen Strassen staut sich die Hitze und wie üblich ist es laut und voll. Ok, wir lassen uns davon nicht beeindrucken, zumal wir gerade ein Schild einer Posada entdecken, die auch Touren anbietet. Und: "Wir sprechen Englisch und Deutsch" steht auf dem Schild. Sehr praktisch, wir gehen rein, um uns einen Überblick über das Angebot zu verschaffen. Mérida gilt als das Aktivsportzentrum des Landes, da wird doch sicher auch für uns etwas dabei sein. Die junge Dame, die uns die Touren/Ausflüge erklärt, ist sehr nett und hilfsbereit. Aber danke, eine Tagestour im Bus mit einer kleinen Zwischendurchwanderung? Wir haben gerade einen ganzen Tag im Auto verbracht, das muss also nicht sein. Canoying? Hm, schon eher. Wandern und anschliessend Baden in heissen Quellen, eine nette Option, aber wir haben kein Badezeug dabei. Ein Tandem-Paraglidingflug?! Das wollte ich schon immer mal machen, wenn ich auch bei dem Gedanken, es jetzt wirklich in die Tat umzusetzen, arg Herzklopfen bekomme. Aber noch haben wir uns nicht entschieden, wir nehmen den Zettel mit den verschiedenen Möglichkeiten mit, schlendern noch ein bisschen durch die Strassen und finden ein kleines, vegetarisches Lokal, in dem auch frische Fruchtsäfte angeboten werden. Guayaba (das sind die schrumpeligen Dinger, die ich auf dem ersten Foto hier im Blog in der Hand halte) für mich, Parchita (Maracuja oder Passionsfrucht) für Uli. Lecker und sehr erfrischend. Wir besprechen noch mal die verschiedenen Möglichkeiten und stellen fest, dass wir durchaus alleine wandern können, heisse Quellen auch von Valencia aus gut erreichbar sind und die Bustour sowieso nicht infrage kommt. Also fällt die Entscheidung zugunsten des Paraglidingfluges und obwohl mir das Herz gerade noch mal in die Hose rutscht, will ich jetzt nicht mehr kneifen!
Also wieder zurück zur Posada und 2 Tandemflüge gebucht für den nächsten Nachmittag. Anschliessend, Aufregung macht hungrig, essen wir etwas (Forelle, na klar) und fahren dann mit dem Auto weiter in die Berge hinauf. Tipp von Katrin, die die Posada betreibt: Das El Valle, “Das Tal”, ist “nicht weit den Berg hinauf und da könnt’s ein bisschen laufen, das geht ganz gut da” hat sie gesagt. Wir fahren eine gute ¾ Stunde rauf, aber ausser ein paar Häusern rechts und links ist nichts zu sehen. Kein Parkplatz oder irgendein Hinweis darauf, dass hier ein Wanderweg beginnt.

Etwas entnervt drehen wir um und kehren noch in eines der Lokale ein, das etwas abseits der Strasse liegt. Kaffee und Pfirsiche (aus der Dose…) für Uli und ein Calentao für mich. Ein andines Heissgetränk mit vielen Kräutern, Honig und einem Schuss Alkohol, wärmt gut durch und schmeckt sehr lecker! Beruhigt ausserdem, mich jedenfalls, da meine Gedanken doch immer wieder zu dem bevorstehenden Flug abschweifen.

Aber davon in den nächsten Tagen mehr!

Montag, 2. März 2009

"Einkaufsparadies" (von Uli)

Bevor wir von unserem Wochenende in den Anden berichten, hier Ulis ganz besonderes Einkaufsvergnügen ;-)

Wenn es alles gäbe, würde es ja richtig Spass machen. Aber Einkaufen in einem Land auf dem Weg zur real-existierenden Mangelwirtschaft hat auch viel mit Glück zu tun.
Ok, die Regale in den Supermärkten sind gefüllt, auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass es Kaffee nicht immer gibt. Warum denn das? Ist nicht Venezuela Kaffeeland? Oder zumindest doch Kolumbien, das Nachbarland. Da sollte es doch kein Problem sein, immer und überall Kaffee anzubieten. Ist es aber. Warum weiß der Henker. Wir haben es öfters erlebt, dass zwar Kaffee da war, aber nur max. 1 kg pro Person eingekauft werden durfte. Die ersten vier Wochen haben wir mit Zuckerersatzstoff überbrückt, weil es keinen Zucker zu kaufen gab. Dafür gab es Wachteleier im Überfluss. Äußerst merkwürdig.

Die Essgewohnheiten passen sich sehr schnell den lokalen Möglichkeiten an. Aufschnitt oder Salami? Das lässt man besser bleiben, denn das magere Angebot gibt nicht viel her und wenn es dann doch mal Aufschnitt gibt, kauft man ihn besser nicht. Sieht weder appetitlich aus, noch hat er Geschmack. Salami ist nur gut, wenn importierte Ware angeboten wird. Die dann aber zu hohen Importpreisen. Käse schmeckt leider auch nicht, hat eigentlich gar keinen Eigengeschmack, kann man also auch bleiben lassen. Es sei denn, importierteter Edamer oder Leerdamer. Der schmeckt wie zu Hause, kein Wunder, der kommt ja auch daher.

Es gibt aber auch leckere Sachen, die es in Europa nur selten oder gar nicht gibt. Z.B. Papaya. Die sind süss und saftig. Oder Melonen. Früchte überhaupt sind reichlich vorhanden. Viele davon haben wir zum ersten Mal hier gesehen. Die haben so wohlklingende Namen wie Guayaba oder Parchita und sind wirklich lecker. Andere waren so hart oder sauer, dass wir sie gar nicht essen konnten. Vielleicht muss man die erst kochen oder reifen lassen. Wir werden es herausfinden.

Gutes Brot scheint ein Geheimnis deutscher Bäcker zu bleiben. Denn ausserhalb der Grenzen deutschsprachiger Länder haben wir bisher weder Vollkornbrot noch Schwarzbrot gefunden, es sei denn ein deutscher Bäcker hat sich irgendwo in der Fremde nieder gelassen. Nach Valencia ist noch keiner gekommen, sonst wüssten wir das. Hier gibt es nur weiches, weisses Gummitoastbrot. Das Bedürfnis, in ein Vollkornbrot zu beissen, hat uns soweit getrieben, dass wir mittlerweile unser Brot selbst backen. Das ist auch nicht schwerer als Kuchen backen, vorausgesetzt man hat die geeigneten Zutaten. Da Hefe zu bekommen fast unmöglich ist, haben wir anfangs mit Sauerteig gebacken. Leider ging das Brot nicht soweit auf und blieb relativ klein und hart. Mit der Trockenhefe, die uns eine Arbeitskollegin aus Kolumbien mitbrachte, geht es schon besser. Mit jedem Backvorgang nähern wir uns dem Idealziel eines deutschen Brotes und bringen, wenn wir eingeladen sind, auch schon mal ein Exemplar unserer neu gewonnenen Backkünste mit.

Die Kosten für Lebensmittel sind sehr unterschiedlich. Alles Importierte ist teuer und das sind über 90% der Regalinhalte. Nur lokale Produkte wie Obst, Gemüse und Fisch sind wirklich günstig. Zu Silvester haben wir uns ein importiertes Schwarzbrot aus Deutschland geleistet. Das war ebenso teuer wie das ½ Kilo Gambas, das es dazu gab.

Wer denkt, dass Deutschland eine Servicewüste mit meist unwilligem und unfreundlichem Verkaufpersonal ist, der wird spätestens an der Kasse eines venezolanischen Supermarktes vom Gegenteil überzeugt. Dazu kommt noch eine venezolanische Besonderheit. Wer die Unverfrorenheit besitzt, die Kassiererin mit einem gefüllten Einkaufswagen zu belästigen, wird zuerst nach seiner RIF-Nummer gefragt. RIF-Nummer? Das hab ich mich auch das erste Mal gefragt. Das ist die Steuernummer, die vor jedem Bezahlvorgang, sei es in einem Supermarkt oder sonst wo, in den Kassencomputer eingegeben werden muss. Dann erscheint auf dem Display sofort die Identität des Einkaufenden mit Name, Adresse und Telefonnummer. Soviel zum lokalen Datenschutz. Als Fremder habe ich keine Steuernummer. Also fragt mich die Kassiererin nach meiner Ausweisnummer, Adresse und Telefonnummer. Ich habe aber keine Lust, meine persönlichen Daten rauszugeben, wer weiss, ob das nicht in einem Einbruch oder im schlimmsten Fall in einer Entführung endet. Also entscheide ich mich zu Fantasiedaten. Ich nenne eine achtstellige Nummer und behaupte, das sei meine Ausweisnummer. Das reicht in der Regel. Als Namen gebe ich an Hugo Habicht, Daniel Duesentrieb oder was mir sonst in dem Moment einfällt. Kontrolliert wird nicht und ich darf bezahlen. Der Sinn dieser Datenerfassung hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Das ist aber noch nicht alles. Am Ausgang wartet schon die nächste Kontrolle. Bevor ich den Supermarkt verlassen darf, wird mein Kassenbon mit dem Inhalt meines Einkaufswagens verglichen und abgestempelt. Jetzt erst darf ich zum Auto...

Donnerstag, 19. Februar 2009

Heimatgefühle...




wollten bei unserem Besuch in Colonia Továr nicht so richtig aufkommen.
Es war eher amüsant, all die deutschen Namen und Bezeichnungen zu lesen, die gerne auch mal falsch geschrieben werden oder Dinge zu finden, die als "typisch deutsch" angeboten werden, uns aber in Deutschland nie begegnet sind - wem die "salsa alemana" bekannt ist, der sage es bitte! ;-)

Ein bisschen zur Geschichte des Ortes:

1843 wanderten 358 Bürger aus der Gegend des Kaiserstuhls, vornehmlich aus Endingen am Kaiserstuhl, Forchheim (Kaiserstuhl),Wyhl und Oberbergen über Le Havre nach Venezuela aus. Dort wurden sie nach einigen Wirren an ihrem heutigen Ort angesiedelt. Die Bauern pflanzten Gemüse und Obst an und brauten auch das erste Bier Venezuelas; sie bauten ihre Häuser im Fachwerkstil. Die Dorfgemeinschaft blieb bis 1942 mit eigenen Gesetzen unter sich und geriet nach und nach in Vergessenheit.
Erst nach dem Bau einer Asphaltstraße 1964 hielt die Moderne Einzug in Colonia Tovar. In den 1960er Jahren nahmen die Einwohner der Colonia Tovar, die bis heute ihre Sprache im
alemannischen Dialekt und ihre Traditionen bis hin zur alemannischen Fastnacht (Fasnet) pflegen, wieder engen Kontakt zu ihrer badischen Heimat auf. So kommt es, dass viele Nachfahren ihre Ausbildung in Deutschland machten.

(Quelle: wikipedia.de)

Es gibt schon ein paar sehr schöne, gut erhaltene oder restaurierte Häuser, die auch noch echtes Fachwerk haben. Bei den meisten sind die Balken allerdings nur aufgemalt, die auf den Speisekarten angebotenen Gerichte sind recht venezolanisiert und die angebotenen Produkte von Kitschkunsthandwerk bis Wurstwaren ziemlich überteuert. Klar, stürmen doch jedes Wochenende die Caraqueños, die Bewohner der nahe gelegenen Hauptstadt, den kleinen Ort und seine schmalen Gassen mit ihren Autos und Motorrädern. Und was Autofahren hier bedeutet, hat Uli ja bereits sehr anschaulich geschildert. Das gilt - leider - auch für ein ansonsten ganz putziges Städtchen wie Colonia Továr: Unglaublich viel Verkehr, keine Rücksichtnahme und sehr sehr viel Lärm!

Trotzdem war es ein lohnender Ausflug mit vielen "Guck mal, fast(!) wie zu Hause"-Ausrufen, den wir wiederholen wollen, denn die Umgebung ist wunderschön, das in CT gebraute Bier schmeckt lecker und Erdbeeren gibt es ganzjährig. Das nächste Mal allerdings wochentags.

Dann, so hat man uns versichert, ist es bedeutend ruhiger und das ist uns bedeutend lieber!

Dienstag, 17. Februar 2009

Autofahren (von Uli)

Oh ja, Autofahren. Eine tolle Sache in Venezuela, die nicht viel gemeinsam hat mit dem Autofahren in Deutschland. Der Verkehr fließt hier ganz natürlich und lässt sich kaum durch Verkehrschilder, rote Ampeln oder Fußgänger beeindrucken. Schilder, Ampeln und Fahrbahnmarkierungen haben hier nur Richtliniencharakter. Eine rote Ampel ist in Deutschland Gesetz, auch auf einer einsamen Landstraße um 2 Uhr morgens. Nicht so in Venezuela. Sie wird zwar wahrgenommen, aber nur beachtet, wenn auch wirklich Gegenverkehr kommt. Es ist schon öfter vorgekommen, dass ich an einer roten Ampel stehe und ein Linienbus direkt hinter mir hält. Busfahrer gehören zu der Spezies, die am wenigsten Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer nimmt. Der Busfahrer wartet nicht ab, bis die Ampel auf grün schaltet, sondern hupt, um mir zu klar zu machen, dass ich doch bitte losfahren soll. Schließlich hat er ja einen Zeitplan einzuhalten. Rote Ampeln scheinen da nicht eingeplant zu sein.

Staus gehören zum Alltag. Die Autoschlangen sind länger, häufiger und hartnäckiger als in Deutschland. Der extreme Autoverkehr hat vor allem zwei Gründe. Erstens gibt es kaum einen öffentlichen Nahverkehr. Valencia baut gerade ein U-Bahnnetz, um die Lage zu verbessern. Aber gerade die Baustellen führen zurzeit zu weiteren Staus. Zweitens ist Benzin nicht nur billiger als in Deutschland, der Preis ist, glaube ich, Weltrekord. Ein Liter Benzin kostet umgerechnet ca. 4 Euro cent. Das sind ca. 50 cent für eine Tankfüllung. Damit ist natürlich kein finanzieller Anreiz gegeben, das Auto mal stehen zu lassen.
Das eigentlich teure am Autofahren ist die Anschaffung eines Autos. Der Mittelklassewagen Chevrolet Optra kostet umgerechnet EUR 40.000. Da verwundert es nicht, dass die Autos gefahren werden, bis sie auseinanderfallen oder nur noch durch Seile notdürftig zusammen gehalten werden. Etwas Vergleichbares zum TÜV gibt es nicht.

Schnelles Fahren empfiehlt sich nicht. Die Geschwindigkeitsbeschränkung findet zwar ebenso wenig Beachtung, wie alle anderen Verkehrsregeln, dem schnellen Fahren wird aber eine andere natürlich Grenze gesetzt: Der Zustand der Strassen. Schlaglöcher finden sich überall und in jeder Größe, selbst auf der Autopista (Autobahn). Ich habe schon Schlaglöcher gesehen in denen sich der Müll zusammen rottete oder aus denen Bäume wuchsen. Da schwindet alle Hoffnung, dass jemand das Loch mal zumachen könnte. Die Schlaglöcher auf unserer täglichen Strecke zur Arbeit kenne ich bereits alle mit Vornamen. Eines fällt mir immer besonders auf. Es ist groß wie ein Autoreifen, befindet sich auf einer Dorfstrasse und lässt sich nur im Schritttempo umfahren. Alle 14 Tage ist dieses Loch mit grobem Sand zugeschüttet. Die Erleichterung hält nicht lange an. Nach zwei Tagen ist das Loch wieder bis zu seiner natürlichen Größe und Tiefe ausgefahren.

In Wohngebieten wird das langsame Fahren durch diese Art von künstlichen Bodenwellen erzwungen, die bei zu schnellem Überfahren die Karrosserie zerlegen. Damit meinen sie es wirklich ernst. Erschwert wird es noch dadurch, dass weder Signalfarbe noch Hinweisschilder eine Vorbereitung auf das Hindernis erlauben.
Der schlechte Zustand der Strassen hindert die Verantwortlichen nicht daran, für das Befahren auch noch Geld zu nehmen. Zahlstellen für die Autopistas, die sog. „Peajes“, sind im ganzen Land verstreut. Die Bezahlung ist immer Anlass für einen weiteren Stau. Wer stets Kleingeld dabei hat, ist gut beraten. Mit umgerechnet 50 cent hat man eine Durchfahrt geschafft. An Sonn- und Feiertagen ist die Durchfahrt sogar frei.

Wenn Verkehrsregeln auch kein Anlass zum langsamer Fahren sind, die ständigen Kontrollen durch die Guardia National sind es. Auf Autopistas und auf Landstrassen stehen unvermittelt links und rechts diese roten Verkehrshütchen. Ein unverwechselbares Anzeichen für die nächste Kontrolle durch die Nationalgarde, meist bestehend aus zwei oder mehr jungen Männern mit vorgehaltener Maschinenpistole. Man wird allerdings nur in sehr seltenen Fällen angehalten. Meist haben sie es auf Lkw abgesehen. Damit wir nicht Opfer einer sinnlosen Befragung werden, unterhalten wir uns beim Passieren der Kontrollposten immer betont auffällig und vermeiden jeglichen Augenkontakt mit den „Wächtern der Strasse“. Das hilft. Bisher sind wir erst ein einziges Mal kontrolliert worden. Die Nationalgarde hilft nicht nur Schmuggler zu enttarnen, sondern assistiert auch bei der Verkehrsführung. Bei Staus bildet sie Streckenposten und weist dem Autofahrer durch wildes Gestikulieren mit der Hand die Richtung, in die er bitte und vor allem schnell zu fahren hat. Im stop-and-go-Verkehr ein ziemlich sinnloses Unterfangen. Ist aber lustig und vertreibt die Zeit.

ohne Worte

...weil ich einfach keine dafür finde

E-Mail unseres Baustellenleiter von heute:

Betreff: Colaboración para el Compañero de trabajo Jorge Pérez (Sammlung für den Kollegen...)

"Manchmal ist das Leben in Venezuela schon sehr makaber,es tendiert an machen Tagen dazu,dass man das Gruseln lernt.

Unten genannter Arbeiter mit 180,-USD brutto/Monat hatte seine Mutter bei Unfall gestern verloren,da er kein Geld fuer einen Sarg hatte,hat er sie heute frueh mit zur Arbeit gebracht und um Unterstuetzung gebeten,die lag wirklich im Auto mit suesslichem Geruch.
Wenn ich einfach bezahlt haette ,haetten die alle ihre Muetter morgen frueh hier angefahren.............nicht auszudenken

so haben wir alle sammeln lassen und als er 1.000,-BsF zusammen hatte ,war er happy und fuhr wieder ab mit ihr zum Schreiner - ist schon gruselig,etwas!"

Sonntag, 15. Februar 2009

Wo wir sind...

Wir wohnen in Valencia, eine Stadt mit rund 1,4 Mio Einwohnern, ca. 160 km von Caracas entfernt. Dort haben wir ein grosses Appartement im 9. Stock eines Hochhauses im Norden der Stadt in einem "guten" Wohnviertel, mit einigen Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe. Die Baustelle selbst ist an der Küste in Morón, wir fahren jeden Tag mit einem anderen Kollegen rund 100 km (hin und zurück). Wie gesagt, es lässt sich leben, wenn auch Chávez Hang und Drang zum Sozialismus deutlich spürbar ist. Die Inflation galoppiert trotz Bolivares "fuerte" und es gibt auch nicht immer alles bzw. wird schon mal rationiert, z. B. nur 2 Kilo Zucker oder 1 Kilo Kaffee pro Haushalt. Oder es ist "ley seca", wie an diesem Wochenende aufgrund des heute statt findenden Referendums: Man bekommt freitags und samstags keinen Alkohol mehr zu kaufen. Der steht zwar noch in den Regalen, aber die sind mit Flatterband abgesperrt und es gibt einfach nichts.

Wenn wir zum Supermarkt fahren, gibt es an der Parkplatzeinfahrt einen Kontrolleur, der drückt uns einen Zettel in die Hand, auf dem er unser Kennzeichen vermerkt hat. Beim Rausfahren geben wir diesen Zettel an seinen Kollegen. Wozu das Ganze? Um Autodiebstahl zu verhindern – kein Zettel, kein Verlassen des Parkplatzes möglich. Warum allerdings der Kassenbon am Ausgang gestempelt wird, hat sich uns noch nicht erschlossen, die Tüten werden auf jeden Fall nicht kontrolliert bzw. nur ab und an kurze Blicke reingeworfen. Andere Länder, andere Sitten! An den Kassen steht immer ein junger Mann, der einem die Einkäufe einpackt, sehr praktisch. Gut, der Verbrauch von Plastiktüten ist inflationär, andererseits müssen wir so keine Müllbeutel kaufen ;-)

Unsere Wohnung ist schön, der Ausblick über die Stadt bis hin zu den Bergen im Hintergrund ist toll. Ein bisschen wohnlicher hab ich es auch schon gemacht, ein paar Bücher und Fotos haben wir mitgenommen und noch ein bisschen anderen Kram. ZU häuslich einrichten ist auch nicht gut, wir müssen ja irgendwann auch wieder einpacken! Was ein wenig stört, sind die Gitter vor den Fenstern und das Summen der Klimaanlage des Nachbarn nachts. Aber irgendwann wird uns auch das nicht mehr auffallen! Außerdem entschädigt mich die Küche (jahaaa, mich), ich hab nämlich hier einen Gasherd mit sechs Platten zur Verfügung, da macht Kochen richtig Spass! Abends koche ich vor für den nächsten Tag, wir haben in der Büroküche eine Mikrowelle zum Aufwärmen. Lust hab ich (trotz Gasherd) nicht immer zum Kochen, aber die Alternativen wären belegte Brote oder mittags was vom Takeaway...Auch nicht ideal, zumal wir mit den Sandwiches vom Takeaway schon so unsere Erfahrungen gemacht haben und die waren nicht eben gut.


Die Tage sind schon lang: Um kurz nach fünf klingelt der Wecker, um kurz nach sechs treffen wir unseren Kollegen und fahren ins Büro. Da kommen wir gegen sieben, halb acht Uhr an – je nach Verkehr (der ist hier ein echtes Erlebnis: Rechts überholen, hupen, zu schnell fahren, rote Ampeln sind meist nur Farbtupfer in der Landschaft - aber zu diesem Thema kommt von Uli noch mehr ;-)) Von zwölf bis eins ist Mittagspause und gegen viertel vor fünf geht es wieder Richtung Valencia, wo wir meistens gegen sechs, halb sieben eintreffen. Wenn wir dann noch einkaufen müssen, dauert es noch etwas länger, zumal der Feierabendverkehr noch abenteuerlicher ist (gefühlt) als tagsüber...

Mittwoch, 4. Februar 2009

Die ersten Wochen...

oder besser gesagt, die ersten 3 Monate sind wie im Flug vergangen.

Einen kurzen Anflug von Heimweh habe ich bereits hinter mir, das war ganz am Anfang. Durch die Umstellung der Zeit, des ganzen Umfeldes etwas angeschlagen, hat der erste Brief meiner Mutter (eingescannt und mir per E-Mail gesendet von meiner Freundin) mich erst einmal in Tränen ausbrechen lassen und ich hätte am liebsten sofort wieder die Koffer gepackt. War das überhaupt Heimweh oder vielleicht doch eher überreizte Nerven und leichte Panik vor dem, was mich erwartet? Ich kann es nicht genau sagen...Ich glaube, für „echtes" Heimweh bin ich noch nicht lang genug weg! Und natürlich hilft es, dass ich nicht alleine hier bin, sondern Uli bei mir habe.

Der ein oder andere mag so seine Zweifel gehabt haben (oder noch haben), ob das funktioniert - so lang kennen wir uns noch nicht und jetzt verbringen wir nicht nur die freie, sondern auch unsere Arbeitszeit miteinander...Keine Sorge ;-) Tagsüber im Büro sehen wir uns (fast) nur zur Pause, nur die freie Zeit verbringen wir – bisher – ausschliesslich gemeinsam. Erste Kontakte werden gerade geknüpft, von meiner Seite aus mit einer venezonlanischen und einer kolumbianischen Kollegin (beide auch englischsprachig) und von seiner Seite aus durch sein Hobby mit einem peruanischen, in Valencia beheimateten Fotografen, gemeinsame mit unserem Spanischlehrer (doppelter Nutzen ;-)) und seiner Frau.

Da es für uns beide aber noch viel zu erfahren und zu entdecken gibt, ist das quasi 24/7-Zusammensein ein Muss (im positiven Sinn) und somit fallen wir uns nicht einmal in der Freizeit auf die Neven ;-) So viel davon haben wir allerdings auch gar nicht – in der Woche sind wir kaum vor 18 Uhr zu Hause und dann ist es hier dunkel. Dann wiederum unterwegs zu sein, ist nicht so ratsam. Wenn überhaupt, zu zweit und mit dem Auto. Ein abendlicher Spaziergang – kein Gedanke! Und wenn spazierengehen, dann im bewachten Park oder auf jeden Fall dort, wo sich viele Menschen aufhalten.

Ruhe und Ungestörtheit sind hier nicht gefragt, ein Beispiel: Es gibt an der nördlichen Stadtgrenze von Valencia, einen Berg oder besser, eine kleine Erhebung, ein beliebtes Ziel für die Valencianer am Wochenende. Eine halbe Stunde hinauf, eine halbe wieder hinunter, oben eine kleine Rast, unten einen frischgepressten Saft. Man hat uns dringend geraten, diesen Berg nur am Wochenende morgens oder am frühen Nachmittag aufzusuchen, wenn viele Menschen dort sind. Leert es sich, ist die Gefahr, überfallen zu werden, zu gross. Wobei man davor nie sicher sein kann: Die Familie eines Kollegen ist letzte Woche in der Nacht von Sonntag auf Montag zu Hause überfallen worden. Alle Familienmitglieder gefesselt und alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war. Es ist niemand zu körperlichem Schaden gekommen, aber solche Geschehnisse gehören hier mehr oder minder zur Tagesordnung. Wir sind sehr froh, dass wir in einem mehrstöckigen Haus wohnen und weder die Kameras in den Fluren noch die vergitterte Eingangstür geben mir ein Gefühl von ausspioniert werden oder eingesperrt sein, sondern beruhigen mich vielmehr.

Politik ist hier natürlich Thema, gerade jetzt, wo das zweite Referendum ansteht, mit dem Chávez seine zeitlich unbegrenzte Präsidentschaft zu sichern (offiziell die Möglichkeit zur Wiederwahl, klar), aber eher hinter vorgehaltener Hand. Wir als Expats mussten uns vertraglich verpflichten, uns aus allem Politischen rauszuhalten. Natürlich kommt aber immer die Frage: Und was hältst du von Chavéz? Bei den Venezolanern ist er ab Mittelschicht aufwärts kaum gut gelitten, klar, als Verfechter des Sozialismus. Nichts desto trotz halten wir uns mit Meinungen und Ansichten eher zurück. Man weiss nie so genau und noch dazu ist unser Auftraggeber ein halb staatlicher Betrieb...

Über Deutschland selbst wissen die meisten Menschen nicht viel; gelegentlich trifft man auf Venezolaner (Oberschicht), die schon mal in München oder Düsseldorf waren, wobei München überwiegt und dann das Gesamtbild prägt. Die vorherrschende Meinung über die Deutschen ist, wie so oft zu finden, „fleissig, sauber, ordentlich, organisiert, pünktlich, zuverlässig"...
Das Arbeiten hier ist anders als in Deutschland, ich hab den Eindruck, der Umgang ist herzlicher und es gibt mehr Mit- als Gegeneinander. Manchmal können die Leute einen (Deutschen) mit ihrer, nennen wir es mal Ruhe, aber auch in den Wahnsinn treiben; wenn man nach einer Sache fragt, muss man am Ball bleiben und wieder und wieder nachfragen, sondern bekommt man nie eine Antwort. Gibt natürlich auch hier Ausnahmen, wie eben überall. Was mir sehr positiv aufgefallen ist: Es wird viel mehr gelacht. Kurz vor Weihnachten wurde in der Firma gewichtelt (wir waren leider zu spät dran und noch nicht dabei) und ich hab mich lang nicht so amüsiert wie beim Zuschauen an diesem Wichtelnachmittag, obwohl ich kaum ein Drittel verstanden habe....

Mein (oder vielmehr unser) Fazit nach den ersten Wochen: Man kann hier (gut) leben. Aber muss man sich arrangieren: Es gibt nicht immer überall alles, man kann nicht überall (und schon gar nicht allein) hingehen. Auf Zeit ist das für mich kein Problem, aber dauerhaft würde ich nicht hierbleiben wollen.

¡bienvenidos! - Willkommen...


...in meinem Blog.

Für die nächsten 3 Jahre ist für mich und meinen Lebensgefährten Uli Südamerika unsere Heimat, wir wohnen im Norden Venezuelas in Valencia und arbeiten auf einer Grossbaustelle in Morón an der Küste.

Um Familie, Freunde und alle Interessierten auf dem Laufenden zu halten, habe ich dieses Blog eingerichtet, in dem ich (in unregelmässigen Abständen, man möge mir verzeihen) über unser Leben, unseren Alltag hier berichten werde.

Ich freue mich über viele Leser, Kommentare und wer Fragen hat, möge fragen.
Soweit ich sie beantworten kann, werde ich das gerne machen!

Viel Spass!