Sonntag, 5. Juli 2009

Behördengang auf venezolanisch

Letzte Woche Donnerstag war ich in Caracas.
Für uns Expats wurden Arbeitsvisa beantragt sowie die Ausstellung einer Cedula, der venezolanischen ID. Wir haben einen Antrag ausgefüllt und unsere Pässe zu diesem Zweck einem „seriösen“ Herrn übergeben, der vor Ort die notwendigen Formalien erledigt bzw. vorbereitet hat, denn für die Ausstellung des Visums ist persönliches Erscheinen nicht notwendig, aber für die Cedula hat man bei der Behörde in Caracas vorstellig zu werden, sich fotografieren zu lassen und seine Unterschrift auf der ID in Gegenwart eines Bediensteten des Ministerium zu leisten. Im Grunde genommen nicht viel anders als die Ausstellung eines Personalausweises in Deutschland, mit nur ein paar kleinen Unterschieden in der Abwicklung...

Uli war, als die Anträge eingereicht wurden, gerade in Deutschland, somit sind seine Papiere noch nicht fertig und ich muss alleine in die Hauptstadt. Natürlich nicht ganz alleine! Einige Kollegen unserer Schwesterfirma, die aus Trinidad, Peru, Chile...stammen, müssen das gleiche Procedere durchlaufen und somit werde ich kurzerhand zu Pat (aus Trinidad) und dem venezolanischen Fahrer Louis gesetzt. Morgens um 5 Uhr starten wir in Valencia, treffen uns mit 15 Personen auf 4 Autos verteilt vor einer Farmatodo, die nahe der Autobahnauffahrt liegt. Um halb neun sind wir in Caracas mit dem „Vermittler“ verabredet, das könnte knapp werden. Es sind zwar nur 160 km, aber die letzten 60 führen durch den Berufsverkehr und der ist in Caracas ein Chaos. Louis fragt sich, wie wir es in dem Verkehrsgewühl der Stadt überhaupt schaffen sollen, uns nicht zu verlieren - und er ist der einzige, der sich in der Stadt auskennt und weiß, wo der Treffpunkt ist. Mich erleichtert es ungemein, dass ich in seinem Auto sitze ;-)

An der Peripherie der Stadt angekommen, staune ich wie immer über das Gewusel, die Blechlawinen und mache drei Kreuze, dass wir in Valencia und nicht Caracas wohnen! Diese Stadt mit ihren – offiziell – ca. 6 Millionen Einwohnern ist ein Moloch und Berlin mutet dagegen wie eine Kleinstadt an. Ich schaue auf die Barrios und frage mich wie jedes Mal, wie es möglich ist, dass Menschen dort leben oder besser, existieren können. Notdürftige zusammengeschusterte Behausungen aus Backsteinen, Wellblech, Holz und was eben gerade zu bekommen war. Eng nebeneinander, übereinander gebaut, hat man den „besten“ Blick kurz vor einem Tunnel, der sinnigerweise „El Paraiso“ (Das Paradies) heißt. Erstaunt es jemanden, dass die Menschen, die hier ihr Dasein fristen, den Versprechungen des Präsidenten Glauben schenken (wollen), dass er ihre Lage verbessert? Und dass die, die schon zu lange vergeblich darauf warten, zu Gewalt und Waffen greifen, um zu Geld oder Wertgegenständen zu kommen? Man sagt, wenn man einer dieser Banden in die Finger gerät, soll man ohne Gegenwehr rausgeben, was man hat und nur keine Heldentaten versuchen, da die Frustrationsgrenze dieser meist noch jungen Menschen sehr niedrig ist. Was Wunder...!



Wir fahren, immer noch im Convoi, im Stop-and-Go-Tempo weiter Richtung Zentrum, wo wir in der Nähe des Ministerio Público unseren Kontaktmann treffen wollen, der schon angerufen hat und ungeduldig auf uns wartet. Klar, wir haben uns durch den Verkehr verspätet, 3 Stunden rechnet man normalerweise für die Fahrt, 3,5 haben wir geplant und gebraucht haben wir heute 4,5 Stunden. Und ich habe, gelinde gesagt, gerade ziemlich die Schn**** voll von der Fahrerei. Louis telefoniert aufgeregt, wir halten mitten im Gewimmel in dritter Reihe und ein Minute später erscheint, ich nenn ihn mal Pedro, aus dem Nichts, steigt zu uns in den Wagen und lotst uns zu einem Parkplatz. Von dort aus geht es im Eilschritt zu einem kleinen Kopiergeschäft, dort müssen wir unsere Pässe kopieren, das Arbeitsvisum und unsere ID. Pedro erklärt zwar, warum, aber er spricht so schnell, noch dazu mit dem Dialekt der Caracenos, dass ich mal wieder kein Wort verstehe. Und eigentlich ist es mir im Moment sowieso egal, ich fühle mich trotz der großen Gruppe nicht besonders wohl, wie üblich habe ich die Aufmerksamkeit der Menschen, weil ich durch Größe, Haar- und Hautfarbe auffalle. Ich halte mich eng an Pat und Pedro, als es weitergeht zum Ministerio und schaue nicht nach rechts und links, bis wir den Innenhof des Ministeriums erreicht haben. Da bleibt mir allerdings erstmal der Mund offen stehen: Ungefähr 300 – 400 Menschen stehen in einer langen Schlange und warten darauf, dass sie ihren neuen Ausweis bekommen bzw. ihren Ausweis verlängern und was sonst noch so an Formalitäten hier erledigt werden kann. Es ist kurz nach zehn, die Behörde öffnet um acht und ich vermute, dass bereits um sechs in der Früh die ersten hier Stellung beziehen. Viele haben kleine Plastikhocker dabei und auch Schirme – der Hof ist nicht überdacht und es beginnt gerade zu tröpfeln. Ich freue mich über die kleine Erfrischung, lange hab ich allerdings nichts davon. Pedro lotst uns unter den überdachten Vorplatz des Gebäudes. Dieser Teil ist mit gelben Absperrband versehen, hier stehen zwei mal zwei Campingtische mit Stühlen, auf denen die Mitarbeiter des Ministeriums sitzen. Pedro hat unsere Passkopien an einen anderen Mann gegeben, der jetzt hinter einem der Tische verschwindet, auf einen der Beamten einredet und mit dem Papier wedelt. Schlußendlich wechseln wohl ein paar Scheine den Besitzer, ein Schulterklopfen und unsere Gruppe von 15 ist plötzlich eine eigene kleine Schlange an dem Stuhl vor dem weißen Hintergrund, wo die Fotos für die Cedula gemacht werden.

Von jetzt an geht es (relativ) zügig, wir werden geknipst, geben unsere Fingerabdrücke ab (soviel zum Thema Datenschutz...), warten wieder, bis der Name aufgerufen wird (meiner nicht, auf mich wird mit dem Finger gezeigt, Name zu schwierig auszusprechen) und unterschreiben bei einer schlecht gelaunten Mitarbeiterin des Ministerium, der das Eingeben der Daten und das Herüberreichen des Papiers zur Unterschrift unheimlich viel Mühe zu machen scheint. Wenn sie diese schwierige Aufgabe bewältigt hat, gibt sie das Blatt an den nächsten Kollegen, der die Cedula zurecht schneidet und dem letzten in der Reihe hinterm Tisch überreicht, der das jetzt auf 10 x 5 zurechtgestutzte Dokument laminiert und uns überreicht. Listo (fertig)! Ich bin jetzt Besitzerin einer venezolanischen ID, die neben meinem Namen, Geburtsdatum und –land meinen Familienstand, meinen Berufsstand, meinen Daumenabdruck und meine Unterschrift zeigt und zudem noch in Großbuchstaben mit dem Hinweis „EXTRANJERO“ versehen ist, was mich als Ausländer ausweist, was wiederum notwendig macht, dass ich diese Prozedur in 11 Monaten wiederholen muss, da wir ja noch eine Weile im Land bleiben. Ich freue mich schon heute auf den Ausflug in die Hauptstadt, die wir jetzt so schnell wie möglich wieder hinter uns lassen, alle geschafft von der Fahrt, der Hitze, der Warterei. Kurz hinter Caracas machen wir Halt an einer Art Autobahnraststätte und Pat und ich stoßen erst einmal mit einem Bier (light!) auf unsere neue „Identität“ an.

Ulis Papiere sind nun auch so weit und er fährt morgen.
Unsere Sekretärin Eglee hat mir angeboten, ihn zu begleiten, aber ehrlich? Ich gehe lieber arbeiten!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen